Man war von der Masse der Sonderausstellungen und Geburtstagsgrüße schon etwas ermattet, doch nun hat das Bauhaus, das in diesem Jahr 100 geworden wäre, irgendwo noch ein kleines Aufputschmittel aufgetrieben und steigert die eigene Feierwut noch einmal in erstaunliche Höhen. In Berlin gibt es nicht nur die Sammlungen des Bauhaus-Archivs zu sehen (in der Berlinischen Galerie), es wird obendrein noch eine Bauhauswoche abgehalten mit Vorträgen, Ausstellungen und Morgengymnastik – ganz wie damals in den Zwanzigerjahren. In Dessau wird derweil ein komplett neues Bauhaus-Museum eröffnet, ein langer, schlicht-eleganter Glasriegel, den das junge Büro Addenda Architects aus Barcelona im Stadtpark ablegen durfte, fernab der ursprünglichen Kunst- und Bauschule.

Wie es dort aussieht? Das Erdgeschoss ist eine helle, zu den Öffnungszeiten frei passierbare Halle, die neben dem Museum auch andere Kulturinitiativen als offene Bühne nutzen sollen. Allerdings hatte die Dessauer Stiftung mit öffentlichen Bühnen in jüngster Zeit nicht die allerbesten Erfahrungen gemacht. Auf Druck der AfD und der CDU wurde im vorigen Jahr ein Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet abgesagt, das eigentlich im alten Bauhaus-Gebäude stattfinden sollte. Die Band sei linksextrem, hieß es damals, man befürchte Ausschreitungen. Die jahrelang in Australien tätige Direktorin Claudia Perren machte in der Debatte eine recht unglückliche Figur, als sie die Absage auch damit begründete, das Bauhaus sei schließlich unpolitisch. Jenes Bauhaus, das einst von einer rechtskonservativen Regierung aus Weimar verdrängt worden war, zwei Jahre lang von dem Marxisten Hannes Meyer geleitet wurde, um dann 1932 auf Beschluss der örtlichen Nazis auch den Standort in Dessau schließen zu müssen. Und dessen Direktoren Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sich später zunächst den Nazis andienten, um dann als Abgewiesene zu emigrieren.

Von dieser Geschichte will nun auch die Ausstellung im Museumsobergeschoss erzählen, das aus einem Betonschlauch mit schwarzen Böden, Decken und Wänden besteht. Hier geht es darum, wie die Schule einerseits von einer industriell-modernen, boomenden Stadt mit liberalem Bürgermeister empfangen wurde, in der es andererseits von Anfang an lauten Protest gerade von konservativen Handwerkern gab. Denn das Sehnsuchtsziel der am Bauhaus Dessau Lehrenden und Lernenden war ja die industrielle Produktion und die Durchgestaltung des ganzen Lebens für die Massen – was den Handwerksbetrieben nicht gefallen konnte.

Hannes Meyer: Co-op. Construction 1926 © Stiftung Bauhaus Dessau (I 36948) /​ Leihgabe Ernst von Siemens Kunststiftung/​ Erbengemeinschaft nach Hannes Meyer

Wie diese Durchgestaltung erdacht wurde und was sich aus den Impulsen entwickelt hat, das sollen Kapitel an Beispielen von Lehrer-Schüler-Paaren wie László Moholy-Nagy und Marianne Brandt zeigen. Zudem ist der Entstehungsgeschichte der Sammlung ein eigener Saal gewidmet: In der DDR hatte man sich mit dem Erbe des Bauhauses nicht leicht getan, erst zum 50. Jubiläum des Hochschulgebäudes in Dessau kaufte man 1976 bei einer Galerie in Leipzig 148 Arbeiten von Bauhäuslern an. Eine Auswahl der Objekte ist jetzt hier neu versammelt, auf Podesten und in Vitrinen, die das Büro Chezweitz elegant gestaltet hat.

Im Rest des Museums versuchen die Kuratoren, das war jedenfalls ihr Programm, der Fetischisierung der Objekte entgegenzuwirken. Unter der Schlagzeile "Versuchsstätte Bauhaus" will das für die Sammlung zuständige Team um Regina Bittner der Methodik am "Probierplatz" Bauhaus nachgehen, also dem ständigen Experimentieren und Fragenstellen. Die Puppen mit den Kostümentwürfen für Oskar Schlemmers Triadisches Ballett sind in diesem Museum plötzlich nicht mehr nur lustige Figuren, sie werden mit der Schöpfungsszene eines künstlichen Menschen aus Fritz Langs dystopischem Film Metropolis konfrontiert – und sollen die höchst aktuelle Frage provozieren: Ist der Mensch modellierbar?

In eine – wahrscheinlich – unfreiwillige Kritik am eigenen Neubau kippt dieses neue Scharfmachen von alten Bauhaus-Fragen, wenn es um das Thema Glasarchitektur geht. Es werden nicht nur die leichten Entwürfe von Ludwig Mies van der Rohe für die Berliner Friedrichstraße gezeigt, sondern auch groß die Ideen von Paul Scheerbart zitiert: "Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur." Diese Sätze sind auf die schwarze Innenwand des fensterlosen, geschlossenen, nur von außen mit einer Glashülle überdeckten Betonschlauchs geschrieben.

Das Bauhaus ist in Dessau in einer Blackbox gelandet, in einer Art Bunker. Und man fragt sich beim Abschied, ob dieser Bunker die Überreste des Bauhauses nicht nur vor dem Tageslicht schützen soll, das die Restauratoren so fürchten, sondern auch vor anderen Gefahren. Vielleicht sogar vor der Gefahr einer politischen Auseinandersetzung.