In der Serie "Die ZEIT-Rdeaktion entdeckt..." schreiben Francesco Giammarco, Alard von Kittlitz, Nina Pauer und Britta Stuff jede Woche im Wechsel über Beobachtungen aus ihrem Alltag.

Neulich kam meine Freundin spät nach Hause, setzte sich zu mir aufs Bett und sagte, ihr sei aufgefallen, dass ich wirklich nie Bücher von Frauen läse. Sie finde das komisch und habe gedacht, sie spreche es mal an. Was mich wiederum nervte, weil ich gerade dabei war, den jüngsten Roman von Michel Houellebecq zu lesen.

Ich schaute von meinem Buch auf und erklärte ihr, dass das nicht stimme, dass ich höchstens mehr Bücher von Männern lese, was aber auch irgendwie logisch sei, denn Männer veröffentlichten nun mal mehr als Frauen. Natürlich nicht weil sie mehr Talent hätten, sondern aus systemischen Gründen. Dann las ich weiter. Die kleine japanische Freundin des Protagonisten wurde gerade von zwei Dobermännern durchgevögelt. Es war alles hochinteressant.

Nein, das stimme nicht, sagte meine Freundin; und ich begann zu vermuten, dass sie getrunken hatte. Auch zu aktuellen Büchern von Frauen, die in den Zeitungen oder im Freundeskreis besprochen würden, hätte ich selten eine Meinung, weil ich sie nicht gelesen hätte. Nicht mal Elena Ferrante! Ich würde das auch nicht nachholen, um mitreden zu können. Das wundere sie, sagte meine Freundin, weil ich ja sonst immer gerne diskutieren würde.

Ich legte das Buch beiseite und drehte mich zu ihr. Vielleicht habe sie in gewisser Weise recht, sagte ich. Inzwischen war ich mir sicher, Alkohol zu riechen. Sie müsse aber verstehen, dass mein Interesse an diesen Büchern halt schwinde, wenn ich sie und ihre Freundinnen schon darüber hätte diskutieren hören. Ob sie das verstehe.

Meine Freundin sagte, sie verstehe, klang aber überhaupt nicht so. Sie bat mich, aufzuzählen, welche Romane von Autorinnen ich in letzter Zeit gelesen habe. Ich erklärte ihr, dass ich immer alles vergäße, sobald ich mit einem Buch fertig sei, und mich jetzt nicht einfach so erinnern könne. Ich fand, langsam legte sich ein arroganter Ausdruck über ihr Gesicht. Dann hatte ich einen Geistesblitz.

Mit einem triumphalen Schrei stand ich vom Bett auf und erklärte meiner Freundin, dass diese ganze Diskussion hinfällig sei. Denn ich sei, wie alle wohl wüssten, ein großer Bewunderer von J. K. Rowling und der Harry Potter-Reihe. Mehr noch, ich würde sie in- und auswendig kennen, und man könne durchaus argumentieren, dass Rowling die größte Autorin unserer Zeit sei. Wenn nicht aller Zeiten.

Meine Freundin sagte, das zähle nicht, denn das würde jeder Mann sagen. Und es gehe schon auch darum, Bücher zu lesen, die eine weibliche Perspektive hätten. Harry Potter aber sei nun mal ein Mann. Und außerdem Zauberer. Ich glaube zumindest, dass sie das sagte. Ich hörte ihr nicht richtig zu, weil ich Hercule-Poirot-Geschichten von Agatha Christie aufzählte, die war mir noch eingefallen. Und natürlich die Commissario-Brunetti-Romane von Donna Leon. Meine starrsinnige Freundin aber ließ das alles nicht gelten.

Wütend ging ich ins Wohnzimmer, um aus dem Bücherschrank alle meine Romane von Frauen herauszunehmen und ihr vor die Füße zu werfen. Ich kam dann aber doch mit leeren Händen zurück. Denn ich dachte, man müsste diesen Streit doch auf andere Weise lösen können.

Warum glaube sie denn, fragte ich, dass ich keine Bücher von Frauen läse? Sie überlegte kurz und sagte, sie glaube, dass Männer, vor allem Journalistenmänner wie ich, eigentlich auch immer den Wunsch hätten, irgendwann einmal selbst einen Roman zu schreiben. Und beim Lesen der Romane von Männern, beim Lesen der Geschichten männlicher Protagonisten, würde dieser Wunsch befeuert. Man läse halt immer die Aussicht mit, selbst der Autor zu sein. Bei einem Roman aus weiblicher Sicht sei dieser Effekt nicht da.

Da dachte ich an die ganzen Kollegen, die ihre Romane gerade in den sozialen Netzwerken priesen. Vor allem aber dachte ich, dass dieser Streit eine super Grundlage für einen Artikel von mir sei, und machte mir später, als meine Freundin schlief, heimlich Notizen.