Wenn Finanzpolitiker träumen, dann vielleicht von solchen Nachrichten: Der deutsche Staat habe in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 45,3 Milliarden Euro mehr eingenommen, als er ausgegeben habe, berichteten Zeitungen und Internetportale in der vergangenen Woche. Das entspricht fast drei Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. In einer Zeit, in der Ökonomen fast täglich vor einem Abschwung und neuen Haushaltslöchern warnen.

Die Meldung weckte prompt neue Begehrlichkeiten. FDP-Chef Christian Lindner schlug vor, das Geld an die Bürger auszuzahlen. Genau so, wie man auch "im Geschäftsleben" Überschüsse ausschütte. Für eine vierköpfige Familie kämen nach Lindners Berechnungen immerhin 600 Euro zusammen.

Können sich also bald alle Steuerzahler auf einen staatlichen Sonderbonus freuen? Ist in Berlin ein Topf mit Barem aufgetaucht, den bislang niemand bemerkt hat? Oder anders gefragt: Wie viel Geld haben wir eigentlich?

Die 45,3 Milliarden wurden vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden in die Welt gesetzt. Eine eindeutig seriöse Quelle. Ein kurzer Anruf bei der Behörde ergibt: Die Zahl ist korrekt. Der deutsche Staat habe im ersten Jahr einen "Finanzierungsüberschuss" in dieser Höhe erwirtschaftet. Allerdings sei der Staat in diesem Zusammenhang nicht mit dem Bund gleichzusetzen. In der Rechnung sind auch die Überschüsse der Länder, der Gemeinden, der Krankenkassen und der übrigen Sozialversicherungen berücksichtigt.

Die Länder erzielten demnach ein Plus von 12,7 Milliarden Euro, die Sozialversicherungen von 7,7 Milliarden Euro und die Kommunen in ihrer Gesamtheit einen Überschuss von 7,1 Milliarden Euro. Beim Bund fallen demnach 17,7 Milliarden Euro an. Anders gesagt: Auf einen großen Teil des Geldes hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz gar keinen direkten Zugriff.

Der Bund hat weniger Geld auf dem Konto, als die Statistik glauben lässt

Das ist womöglich auch ganz gut so. Die Sozialversicherungen etwa legen in guten Zeiten immer eine Geldreserve an. Der Grund: Sie wollen gerüstet sein für schlechtere Zeiten, wenn etwa die Arbeitslosigkeit steigt und mehr Arbeitslosengeld ausbezahlt werden muss. Würde das Geld jetzt schon komplett an die Bürger überwiesen, dann fehlte es, wenn der Abschwung kommt. Aber wie auch immer: Verfügen kann die Koalition nur über das Geld in der Bundeskasse.

Bleiben also noch 17,7 Milliarden Euro. Liegen die wenigstens auf einem Regierungskonto in Berlin? Hier wird die Angelegenheit kompliziert. Die 17,7 Milliarden sind nämlich nicht das Ergebnis einer Kassenprüfung. Die Summe wurde vielmehr im Rahmen der sogenannten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ermittelt. Dabei handelt es sich um eine statistische Methode, mit der das Wirtschaftsgeschehen eines Landes erfasst werden soll.