Vor dem Abschlussjahrgang der Uni Harvard erzählte Angela Merkel vor wenigen Monaten eine Geschichte über sich und die Freiheit, die die Studenten von Hongkong sicher auch interessant fänden. Der Heimweg von ihrer ersten Arbeitsstelle, erinnerte sich die Bundeskanzlerin, habe sie in Ost-Berlin jeden Tag auf die Mauer zugeführt. "Dahinter lag West-Berlin, die Freiheit." Doch jeden Tag habe sie kurz vor dieser Freiheit abbiegen müssen. "Wie oft habe ich gedacht, das halte ich nicht aus. Es war wirklich frustrierend."

Wenn Merkel in dieser Woche nach China fliegt, führt ihre Route sie wieder knapp an der Freiheit vorbei, an Hongkong. Dort halten gerade Hunderttausende vor allem junge Menschen den Gedanken nicht aus, eingemauert zu werden in der Diktatur Chinas. Aber in Peking redet Merkel lieber nicht wie in Boston.

Kritiker werfen der Bundesregierung seit Langem Leisetreterei vor, wenn es um Menschenrechte in China geht. Sie beklagen, dass die Sicherung von Exportmilliarden im Auto- oder Maschinenbaugeschäft im Zweifel vor dem Einfordern von Freiheiten steht.

Die Kritik ist richtig. Aber sie ist auch etwas schlicht. Wer fordert, die Bundesregierung müsse klare Kante zeigen, der soll auch sagen, was das denn kosten darf. Zu Zeiten des Kalten Krieges war der ideologische Gegner arm. Heute sichert er Arbeitsplätze. Der Wohlstand Deutschlands ist inzwischen untrennbar mit dem Aufstieg einer autoritären Supermacht verknüpft. China ist der größte Handelspartner der Bundesrepublik.

Die chinesische Führung weiß um dieses Dilemma westlicher Handelspartner und verteidigt ihr repressives System deshalb immer selbstbewusster. Wer Geschäfte machen will, soll gefälligst schweigen. Darum gilt: Appelle, die nichts kosten sollen, stoßen in Peking auf taube Ohren. Würden liberale Demokratien der Repression wirklich etwas entgegensetzen wollen, müssten sie in den Spiegel blicken und sich fragen: Sind wir bereit, für politische Glaubwürdigkeit einen Teil unseres wirtschaftlichen Erfolgs zu gefährden? Derzeit droht allein Donald Trump China für das Vorgehen in Hongkong mit Konsequenzen. Aber anzunehmen, dass es ihm um mehr geht als um einen Machtpoker im Handelsstreit, wäre naiv.

Wie mahnte Merkel in Harvard? "Stellen wir den Menschen mit seiner Würde und in all seinen Facetten in den Mittelpunkt, oder sehen wir in ihm nur den Kunden, die Datenquelle, das Überwachungsobjekt?" Wer solch große Worte schwingt, sollte auch bereit sein, sie zu unterfüttern. Ansonsten wirken sie schnell ähnlich billig wie Winkekätzchen aus Guangzhou.