Marx im Schafspelz – Seite 1

Cédric Wermuth hat die Beine übereinandergeschlagen und starrt mit leicht glasigem Blick ins Publikum. Seine Kontrahentin auf einen Sitz im Ständerat, mit der er hier in Wohlen auf einem Podium sitzt, offenbart den zwei Dutzend Zuschauern im Saal gerade ihre grenzenlose Liebe zu Kindern und Katzen, als der Moderator von Wermuth wissen möchte: "Was war Ihr Aufsteller des Tages?" Der SP-Nationalrat, 33 Jahre jung, sieht aus, als möchte er am liebsten von der Bühne stürmen.

Am Tag darauf ist er noch immer verärgert. Eine "Wohlfühlveranstaltung" sei das gewesen. Typisch Majorzwahlkampf: viel Show, wenig Auseinandersetzung in der Sache. Wermuth sitzt in Bern, im Restaurant Toi et moi. Der Name ist für ihn Programm. Er setzt auf das Wirgefühl, auf Zugehörigkeit, auf Nahbarkeit.

Der ehemalige Juso-Präsident mit seinem Faible für die mehr oder minder gelungene Provokation, der im Nationalrat links außen politisiert, will als Vertreter des bürgerlichen Kantons Aargau in den Ständerat einziehen. Und das Erstaunliche daran ist: Seine Chancen stehen gar nicht schlecht.

Die Wahlbörse des Politikwissenschaftlers Oliver Strijbis, bei der Studenten die Performance der Kandidaten wie auf einem Aktienmarkt bewerten, sieht das Duo Thierry Burkart (FDP) und Cédric Wermuth (SP) für die Wahlen vom 20. Oktober in der Favoritenrolle.

Klar, Wermuth hat einen Startvorteil. Er würde den Sitz von seiner Genossin Pascale Bruderer erben. Aber die politisierte am rechten Rand der SP und hatte den Ruf, eine konziliante und diplomatische Politikerin zu sein. Nicht so Wermuth. Als Juso-Chef wurde er landesweit bekannt, als er während einer Parteitagsrede einen Joint rauchte oder in Baden, wo er damals lebte, ein leer stehendes Hotel besetzte.

Was passiert da gerade?

Einen Teil der Antwort liefert eine Zahl auf der Webseite von Wermuth: 5013. Sie steht für die Anzahl Leute, die ihm ihre Unterstützung zugesagt haben. 5013, das sind mehr Menschen, als die SP im Kanton Aargau Mitglieder hat. Die 5013 unterstützten ihn mit Geld, sammeln Unterschriften, gehen von Tür zu Tür, verschicken Postkarten. Leisten Hunderte Arbeitsstunden, erledigen Hunderte Telefonanrufe. Alles gratis.

Für den Campaigner Daniel Graf ist das, was Wermuth macht, das Paradebeispiel einer gelungenen Crowd-Kampagne: "Wermuth macht Wahlkampf mit den Menschen. Das unterscheidet ihn von fast allen bisherigen Kandidaten." Der SP-Nationalrat hat heuer bereits 60 Haushalte besucht, mal zum Apéro, mal zum Brunch. Rechnet man damit, dass bei diesen Treffen jeweils 20 Personen anwesend waren, hat Wermuth 1200 Menschen persönlich getroffen. Jeder von ihnen, so geht die Rechnung weiter, erzählte danach vier Bekannten von der Begegnung mit dem Ständeratskandidaten. Unterm Strich hat damit jeder achtzigste Stimmberechtigte im Kanton einen indirekten Bezug zu Wermuth.

"Dieser Wahlkampf ist ein Versuch"

"Wir probieren in diesem Wahlkampf eine neue Strategie aus, ob das klappt, weiß ich auch nicht. Es ist ein Versuch", sagt Wermuth und gießt zögerlich Ingwertee in die Tasse. Eigentlich trinkt er nie Tee, es scheint ihm physische Schmerzen zu bereiten, das Wort auch nur auszusprechen. Aber er ist erkältet, die Kinder, die Krippe, und gerade jetzt, wenn die entscheidende Wahlkampfphase beginnt, sollten seine Worte ohne kratzende Störgeräusche aus ihm hervorsprudeln.

Dieser Wahlkampf sei ein Versuch, sagt er also nochmals. Und stapelt damit tief. Natürlich ist es kein Versuch, zumindest nicht, was seine Ambitionen angeht. Wermuth will in den Ständerat. Dass er in einem bürgerlichen Kanton lebt, scheint ihn zusätzlich anzustacheln. Er hat nicht vor, sich dafür zu mäßigen. Er will die Macht der Banken und Versicherungen brechen, die Gesellschaft gerechter machen, den Kapitalismus überwinden.

Aber dafür braucht er Geld. Das Geld der Menschen. Etwa 205.000 Franken habe er bislang durch Spenden eingenommen, sagt Wermuth, 55.000 Franken davon sammelte er im Internet. Die Partei unterstützt ihn mit weiteren 90.000 Franken, 10.000 Franken steuert er persönlich bei. Mit diesem Budget liegt er weit vor seinen bürgerlichen Konkurrenten: Der SVP-Kandidat Hansjörg Knecht lässt sich seinen Wahlkampf 200.000 Franken kosten, der FDP-Mann Thierry Burkart hat rund 170.000 zur Verfügung, und die CVP-Frau Marianne Binder rechnet mit mindestens 100.000 Franken.

Seine Kampagne ließ sich Wermuth vom Büro Digital/Organizing entwerfen. Marco Kistler, einer der beiden Köpfe hinter der Agentur, ist der wohl bekannteste linke Nicht-Politiker der Schweiz. Ein junger Schattengeneral, der die 1 : 12-Initiative der Juso prägte und bei den vergangenen Wahlen für den Basiswahlkampf der Sozialdemokraten verantwortlich war. Erst im letzten Herbst kehrte er der Parteizentrale überraschend den Rücken und machte sich selbstständig.

Kistler sagt am Telefon: "Wir haben uns gefragt, wie wir möglichst viele Leute einbinden können. Die Antwort war klar: Wir müssen die Multiplikatoren für uns gewinnen." Multiplikatoren, das sind Leute, die ihr Umfeld aktivieren können – offline oder online. Auch wenn Wermuths Kampagne stark mit digitalen Mitteln arbeitet: Von einer reinen Online-Kampagne, wie sie etwa die CVP Schweiz betreibt, hält Kistler nichts. "Wenn ich mich zwischen digitalen Werbeanzeigen und dem Dialog mit den Menschen entscheiden müsste, würde ich immer Letzteres wählen." So kleben im Kanton weiterhin Wermuth-Plakate, tritt der Kandidat an Podien wie in Wohlen auf und schüttelt möglichst viele Hände. Das Unterstützungskomitee ist kreisförmig aufgebaut. Um Wermuth formiert sich der innere Zirkel: seine zwei festangestellten Mitarbeiter und die Agentur. Dann kommt der erste Kreis, das eigentliche Wahlkampfteam, bestehend aus 15 Personen; zum zweiten Kreis gehören 50 bis 100 Personen, eingeteilt in verschiedene Gruppen. Der dritte Kreis schließlich sind die 5000 Unterstützer. Eine Bewegung, ein Schwarm, ein bisschen chaotisch, nicht immer kontrollierbar – aber in der Masse unübersehbar und wuchtig: Das ist die Idee.

Die große Stärke dieser Strategie: Wermuth trennt die beiden Welten digital und analog nicht voneinander. Nachdem die SVP nach der Sommerpause ihr Wurm-Plakat in den sozialen Medien platzierte und damit eine Empörungswelle auslöste, bestellte das Team Wermuth flugs Sticker mit der Aufschrift "Links und nett und stolz darauf". Die Aktion wurde auf Facebook angekündigt, der Blick berichtete darüber, was einen weiteren Facebook-Post nach sich zog. Der Rückkopplungseffekt funktioniert. Auch wenn es darum geht, Aktivisten für seinen Wahlkampf zu rekrutieren: Er holt sie über die sozialen Medien rein und versucht sie später für Offline-Aktivitäten zu begeistern. Vor acht Jahren, bei seinem ersten Wahlkampf, sagte er, das Internet sei nicht entscheidend für eine Wahl. Heute sieht Wermuth das anders: "Wir nutzen das Netz zum ersten Mal systematisch als ernsthaftes Wahlkampfinstrument."

Auch beherrscht der Aargauer die Lingua franca des Netzes: Memes, viral gehende, meist ironisch angehauchte Internet-Schnipsel. Ein Beispiel? Die FDP macht Pirouetten beim Thema Klimawandel: Wermuths Team verwurstet es zu einem Meme. Köppel pöbelt twitternd gegen Greta Thunberg: Wermuths Team macht daraus ein Meme.

"Chancenlos ist er sicher nicht"

Wermuths Wahlkampf erinnert an jenen der jungen Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, die im vergangenen Herbst in den US-Kongress gewählt wurde. Das ist kein Zufall. Er beauftragte für seinen visuellen Auftritt die New Yorker Kreativagentur Tandem, die auch schon die AOC-Kampagne gestaltet hatte. Broschüre, Visitenkarte, der Webauftritt: Alles ist in den gleichen Farben und der gleichen Bildsprache gehalten. Und Wermuth nimmt sich Zeit für seinen Wahlkampf, viel Zeit. In seinem Job als Strategieberater bei der Werbeagentur Spinas Civil Voices pausiert er zurzeit.

Der junge Zürcher Campaigner Caspar Zollikofer arbeitete im vergangenen Herbst in New York für Jumaane Williams, der wie AOC den Democratic Socialists nahesteht und für den Posten als Lieutenant Governor kandidierte. "Bei dieser Art von Kampagne wird ein enormer Sog erzeugt. Jeder will mitmachen", sagt Zollikofer, der zurzeit fünf Nationalratskandidaten betreut. Jeder hegt den Wunsch, Teil von etwas Großem, Sensationellem, noch nie Dagewesenem zu sein. Darauf setzt auch Wermuth.

So bemerkenswert seine Wahlkampagne auch sein mag: Wie kommt es, dass der linke Wermuth im rechten Aargau eine echte Siegchance hat?

Anruf bei Patrik Müller, Chefredaktor von CH Media. Er wohnt in Baden, wo Wermuth lange lebte, und hat dessen Werdegang journalistisch eng begleitet. "Wermuth hat eine Wandlung hinter sich; nicht politisch, nicht inhaltlich, aber äußerlich und stilistisch." Er sei sanfter geworden, trage teure Schuhe, sehe immer aus wie aus dem Ei gepellt. "Jean Ziegler hat einmal gesagt, man müsse als Linker im Aufzug des Klassenfeindes auftreten, um politisch Erfolg zu haben. Wermuth beherzigt das offensichtlich." Ein Marx im Schafspelz, funktioniert das im Aargau? "Ich würde kein Geld auf Wermuth setzen, aber chancenlos ist er sicher nicht", sagt Chefredaktor Müller.

Die politische Großwetterlage kommt dem SP-Politiker gelegen. Der Kampf gegen den Klimawandel und gegen den Rechtspopulismus mobilisiert weit über linke Kreise hinaus. Auch Umverteilungsfragen sind angesichts steigender Krankenkassenprämien und Mieten wieder salonfähig. Das zeigte sich auch bei den letzten Wahlen im Kanton: 13 zusätzliche Sitze holte die SP in den Gemeindeparlamenten – ein Linksrutsch. Die fortschreitende Urbanisierung des Aargaus trägt zu diesem Trend entscheidend bei.

Und dann ist da noch etwas anderes: Wermuth, der heute in der Kleinstadt Zofingen lebt, ist Vater von zwei kleinen Kindern und verheiratet. SVP-Knecht, sein direkter Konkurrent im Kampf um den Ständeratssitz, ist hingegen kinderlos.

Im Aargau ist Vatersein schon fast eine Wahlempfehlung.