Wenn es so etwas wie westliche Arroganz gibt, dann ist sie im Umgang mit Ostmitteleuropa zu greifen. Weder die Aufnahme Polens in die EU noch die Unterstützung der Ukraine gegen Russland haben Wissbegier freigesetzt, geschweige denn historischer Unkenntnis abgeholfen. Wer weiß, dass der Erste Weltkrieg dort ebenso wie in Weißrussland und im Baltikum 1918 nicht zu Ende war? Wer weiß vom polnischen Überfall auf die Ukraine, von dem Versuch, ein erneuertes Großpolen, unter Einschluss Litauens und Teilen Weißrusslands, im Schatten des russischen Bürgerkriegs zu errichten? Bestenfalls das Schlagwort vom "Wunder an der Weichsel" ist bekannt, als der sowjetische Gegenangriff 1920 in höchster Not vor Warschau gestoppt werden konnte und der Traum begraben war.

Unter dem Titel Der vergessene Sieg widmet sich jetzt ein kleines Büchlein dem hier sogenannten Polnisch-Sowjetischen Krieg 1919–1921. Auch wenn der Historiker Stephan Lehnstaedt jede überzogene Aktualisierung vermeidet, sind doch die Folgen für die Gegenwart unübersehbar, einschließlich der frühen Ost-West-Spaltung der Ukraine, ihrer Zerrissenheit unter dem Einfluss auswärtiger Mächte und einer nationalistischen Propaganda, die ganz wie heute auf "westliche" Identitätspolitik setzte. Der Autor referiert den Vordenker Dmytro Donzow, der 1915 mit wohlwollender deutscher Unterstützung die Eigenständigkeit der Ukraine kulturpsychologisch begründete: "denn sie seien Europäer – und keine von buddhistischen Einflüssen geprägte Orientalen wie ihre östlichen Nachbarn".

1917 wurde die erste ukrainische Volksrepublik mithilfe der Mittelmächte gegründet, 1918 formierte sich eine westukrainische Teilrepublik, 1919 marschierten im fortgesetzten Wechsel die Rote Armee, die Weißgardisten, ukrainische Garden und schließlich die polnische Armee in Kiew ein. Sie alle, die Russen, die Polen, die Ukrainer, nicht zuletzt die Juden, an denen sich der Hass aller entlud, besitzen bis heute traumatische Erinnerungen daran. Die Polen, die den Vormarsch des Bolschewismus damals aufgehalten haben, sehen sich dafür noch immer vom Westen nicht angemessen gewürdigt – eine Bitterkeit, die andauert wie die Furcht der Litauer vor Russland und Polen gleichermaßen.

Stephan Lehnstaedt: Der vergessene Sieg. Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919–1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa; 220 S., C. H. Beck, München 2019; 14,95 €