Wenn ein Unternehmen aus dem führenden deutschen Aktienindex verstoßen wird, dann hat es schon einiges falsch gemacht. Dafür reicht es nicht, dass der Börsenwert mal ein, zwei Ränge unter die Top 30 in Deutschland rutscht. Das Unternehmen muss schon richtig tief gefallen sein. So wie die Commerzbank etwa, die vergangenes Jahr aus dem Dax flog. Oder jetzt Thyssenkrupp.

Was mussten die Mitarbeiter und die Aktionäre des Konzerns alles erdulden! Die Idee etwa, in Erinnerung an alte Größe, hypermoderne Stahlwerke in den USA und in Brasilien zu errichten – beide erwiesen sich als hyperteuer. Den Einfall, das Stahlgeschäft mit dem indischen Konzern Tata Steel zu fusionieren, was lange Zeit jede Veränderung blockierte und schließlich an der EU scheiterte. Die Eingebung, den Konzern aufzuspalten, ohne eine befriedigende Antwort auf die Frage zu finden: Wohin dann mit den Stahlwerken, die immer noch glühen und rauchen? Und nun gibt es den neuesten, den aktuellen Managementmoden entsprechenden Ansatz: Über den einzelnen Konzernteilen soll eine Holding entstehen.

Thyssenkrupp konnte sich weder von der Vergangenheit trennen noch den Moden widerstehen. Das ließe sich als trauriges Einzelschicksal eines ehemals großen Konzerns einordnen. Doch da sind noch all die anderen krisengeschüttelten Großunternehmen im Dax. Bayer zum Beispiel, dessen Chefs zur Expansion nur noch einfiel, mit der Agrar- und Gentechnikfirma Monsanto den umstrittensten Konzern des Planeten zu kaufen. Die Deutsche Bank natürlich, die erst scheinbar unbeschadet durch die Weltfinanzkrise kam, später aber in zahlreichen Skandalen umso tiefer fiel. Volkswagen und auch die anderen deutschen Autoriesen, deren Chefs einfach nicht von Benzin- und Dieselautos lassen konnten, während ein kalifornisches Start-up ihnen zeigte, wie man rasante E-Autos baut. Lieber betrogen sie die Kunden bei Abgastests, als den eigenen Standpunkt zu überdenken.

Neue Weltkonzerne bringt Deutschland kaum hervor. Der vorläufig letzte war der Softwareriese SAP, der mit seinem Alter von 47 Jahren in der Digitalwirtschaft auch schon ein Dinosaurier ist. Während deutsche Mittelständler kleine Weltmärkte erobern oder mit ihren Innovationen neue schaffen, wirkt die Spitze der deutschen Wirtschaft wie festgefahren.

Damit ist sie nicht allein. Auch die Regierung meidet die Veränderung, wo sie kann. Die großen Sprünge fanden im vergangenen Jahrzehnt statt: die Agenda 2010 der rot-grünen Koalition, die Arbeit flexibler machte und einen Beschäftigungsboom auslöste. Die Reformen der großen Koalition in der Weltfinanzkrise, die Deutschland eine Schuldenbremse und ein zukunftsfestes Rentensystem sicherten.

Danach stieg der Erfolg den deutschen Spitzenkräften in Wirtschaft und Politik anscheinend zu Kopf. Egal was sie taten, Jahr um Jahr wuchs die Wirtschaft, sank die Arbeitslosigkeit, floss mehr Geld in die Staatskasse. Da konnte die Automobilindustrie die angebliche Überlegenheit des Diesel feiern, die Bankwirtschaft vom unmittelbar bevorstehenden Comeback träumen und die Politik in Berlin konnte neue soziale Transfers ausloben. Angela Merkel leistete es sich, 2011 die Atomenergie fallen zu lassen und die Energiewende zu beschleunigen – ohne dann den Bau der Infrastruktur für erneuerbare Energie zu forcieren und Deutschland mit einer CO₂-Steuer und Investitionen in Umwelttechnologien auf den grünen Weg zu bringen. Und bei der Digitalisierung ließen sie es alle zusammen langsam angehen, der Staat in den Schulen, die Konzerne in ihrer Produktion und bei ihrer Produktentwicklung.

All das ist durchaus nachvollziehbar. Deutschland war zehn Jahre lang die Boomwirtschaft, der Fels in der Brandung der Euro-Krise, Maschinenlieferant für die Welt. Was sollte schon schiefgehen?

Etwas höchst Zentrales ging schief. Große Teile der Führungselite vergaßen die deutsche Lehre vom Beginn dieses Jahrhunderts, wonach sich Nationen den Wohlstand von morgen schon heute verdienen müssen. Mit Innovationen, mit Veränderungsbereitschaft, auch mit Opfern, wie sie einst Hartz IV und neue, flexible Arbeitsverträge vielen berufstätigen Menschen und ihren Familien abverlangten.

Jetzt geht es, anders als das der BASF-Chef Martin Brudermüller gerade nahelegte, nicht darum, die Agenda 2010 zu wiederholen, sondern eine Agenda 2030 zu entwickeln. Die neuen Herausforderungen in einem Land mit extrem hoher Beschäftigung bewältigt man nicht, indem man Arbeitslosen Sozialleistungen kürzt. Die Zukunft ist digital, ökologisch und divers, und in allen drei Kategorien hängt Deutschland hinterher.

Bei der Geschlechterdiversität zum Beispiel: Nicht ein einziger Dax-Konzern hat eine Frau an der Spitze. Beim Klima: Deutschland erreicht die eigenen Ziele nicht und hat seinen in den 1990er-Jahren erworbenen Nimbus als führende Umweltnation verloren. Bei der Digitalisierung sowieso. Das Funknetz hat Löcher, das Internet ist langsam, die Politik achtet mehr auf den – absolut notwendigen – Datenschutz als auf das Potenzial für Wirtschaft, Gesundheit oder auch den Umgang der Bürger mit ihrem eigenen Staat.

Mittlerweile spürt man an allen Ecken und Enden der Deutschland AG die kreative Unruhe. Bei den heimischen Autokonzernen, die angeführt von Volkswagen elektrische und digitalisierte Mobilität entwickeln. Bei der Deutschen Bank, die das alte Geschäftsmodell ad acta legt. Bei der Regierung, die den Klimaschutz wieder ernst nehmen will. Konzerne und Politiker sollten sich nicht gegenseitig Vorhaltungen machen, dass sie geschlafen haben. Jeder kann bei sich anfangen und in den Veränderungsmodus wechseln. Es gibt genug zu tun.