Weithin vergessen scheint heute eine sehr eigentümliche Gestalt der englischen Literaturgeschichte: Über E. M. Forster kursierte jedoch einst das Bonmot, sein Ruhm steige mit jedem Buch, das er nicht schreibe. Denn der 1879 geborene Autor, der vor seinem Tod 1970 noch die Mondlandung miterlebte – erstaunlich, wie viele Epochen manchmal in ein Leben passen –, hatte 1924 im Alter von 45 Jahren mit seinem fünften und berühmtesten Roman Reise nach Indien, den letzten Text dieser Gattung verfasst. Er schrieb fortan, viel geehrt, vor allem Essays und Kritiken, mit dem legendären Bloomsbury-Kreis war er früh in Kontakt. Posthum erschienen dann Erzählungen mit homosexuellen Thematiken; die Verfilmungen seiner Romane Zimmer mit Aussicht (1986) und Wiedersehen in Howards End (1991) wurden große Erfolge.

Jetzt kann man E. M. Forster von einer ganz anderen, verblüffenden Seite erleben: als großen Dystopiker der Weltliteratur. Die Maschine steht still heißt seine Erzählung, die zu den Klassikern der Scifi-Literatur gehört, und man kann gar nicht glauben, dass sie schon 1909 geschrieben wurde; der Hamburger Komponist, Klangkünstler und Regisseur Felix Kubin hat sie in ein fulminantes Hörspiel verwandelt.

Es geht um eine Welt nach der totalen Katastrophe: Oberirdisch ist sie offenbar unbewohnbar geworden, daher leben die Menschen unterirdisch einzeln in Waben, die von der "Maschine" betrieben und entwickelt wird, sie sorgt für Nahrung, Gesundheit und für Kommunikation untereinander, die dank einer Art Skype möglich ist: "In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte erreichen" – eine Fantasie aus dem Jahre 1909!

Die Maschine übernimmt die totale, quasi göttliche Macht und wird von den Menschen verehrt. Zweifel gelten als "unmaschinell", das Sinnlich-Körperliche verschwindet. Die Bedürfnisse sterben ab, Reisen sind noch machbar, aber unüblich. So leben auch Vashti und Kuno weit voneinander entfernt unter der Erde, Mutter und Sohn, um die sich die Handlung dreht – wobei die Mutter eine treue Maschinengläubige ist, während sich Kuno allmählich als Rebell entpuppt, der sich auch schon mal an die verbotene Erdoberfläche wagt. Die Mutter besucht den Sohn, natürlich spitzt sich die Lage zu, bis zum Showdown, zumal die Maschine aus dem Tritt gerät, weil die sedierten Menschen vergessen haben, wie sie konstruiert ist.

Regisseur Kubin, der unter anderem 2014 schon mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde, verwandelt diese klassische Schreckensvision einer schleichend daherkommenden totalen Apparateherrschaft in eine vollkommen gegenwärtige, äußerst spannende akustische Bedrohung. Sein Technopop illustriert den dramatischen Sog von Forsters Handlung, ständig piept und brummt es, ertönen künstliche Stimmen. Kubins Hörwelt treibt die Handlung dynamisch voran und offenbart die Allmacht der Maschine, die permanente Gehirnwäsche in allseitiger Dauerkommunikation. So nah und beklemmend hat man die tödliche Gefahr unserer durchtechnologisierten Welt noch nicht gehört.

E. M. Forster: Die Maschine steht still. Der Audio-Verlag, Berlin 2019; 1 CD, 74 Min., 12,– €