Cruella de Vil aus dem Film 101 Dalmatiner zählt zu den durchtriebensten und zugleich kultigsten Bösewichten des Disney-Universums. Um sie und ihre gemeinen Mitstreiter hat sich im Internet längst ein kleiner Fanclub formiert. Die Begeisterung belohnt Disney nun mit einem Film: Im Frühjahr 2021 soll Cruella in die Kinos kommen. Everybody’s Darling Emma Stone wird die Hauptrolle übernehmen. Bereits 2014 ist ein ähnlicher Vorläufer erschienen: Maleficent gibt das Dornröschen-Märchen aus der Sicht der bösen Hexe – beziehungsweise der bösen Fee Angelina Jolie – wieder.

Auch wenn die Disney-Filme in der Regel vom Sieg des Guten über das Böse erzählen, so sympathisiert man doch oft genug mit den Fiesen der Geschichte. Für manche sind sie sogar die eigentlichen Helden des Films. Wieso? Da ist einerseits ihr Witz, der sie im besonderen Maß auszeichnet. Auch ihre Songs gehören oft zu den markantesten des Films. Nur sind gerade Cruella und Maleficent weder besonders lustig noch singen sie. Wie kann man sich also den Erfolg dieser Figuren erklären, die nun sogar eigene Filme bekommen?

Vielleicht ist es ihre ungeschminkte Lust am Bösesein, um die wir sie insgeheim beneiden? Während uns die klassische Disney-Moral seit Jahrzehnten vorbetet, immer brav und freundlich, mutig und stark, selbstlos und klug sein zu müssen (und ganz nebenbei atemberaubend auszusehen), werden diesen Figuren all die Schwächen zugestanden, die wir uns verbieten müssen: Habgier, Eifersucht, Egoismus, verletzter Stolz und Eitelkeit (sowie ein nicht ganz so strahlendes Aussehen). Gerade diese Fehler machen sie menschlich und nahbar. Es ist der Donald-Duck-Effekt: Walt Disney entwarf die Figur der klugen, tüchtigen, hilfsbereiten, anständigen Micky Maus, des perfekten Vorzeigeamerikaners. Doch während Micky Maus etwas flach und eindimensional bleibt, lieben alle ihren Gegenpart Donald Duck, den ungeduldigen, schusseligen, impulsiven Pechvogel.

Maleficent erzählt, dass die böse Fee nicht grundlos hasserfüllt ist, sondern nur auf das nicht ganz saubere Verhalten von Dornröschens Vater reagiert. Man könnte nun argumentieren, dass ihr Fehlverhalten psychologisiert wird. Doch ist es etwas komplizierter: Während ein klassischer Disney-Held, dem Schlimmes oder Ungerechtes widerfährt, niemals gestresst reagiert oder ausfallend wird, rastet Maleficent völlig aus. Uns Zuschauer entlastet das. An das Ideal der Helden werden wir nie heranreichen. Doch ganz so böse wie die Bösewichte sind wir nun auch wieder nicht.