Wir müssen junge Forscherinnen und Forscher besser behandeln – fünf Forderungen.

Doktorandinnen und Doktoranden sind die Zukunft der Wissenschaft und der Gesellschaft. Diese Talente auszubilden kostet etwas – Zeit, Geld, Aufmerksamkeit. Wir müssen uns fragen: Wie viel ist uns das wert?

Die Richtlinien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sehen Promotionsstipendien in Höhe von gerade einmal 1350 Euro plus Zuschlägen vor. Die Regelförderdauer beträgt zwei Jahre und kann auf Antrag um maximal ein Jahr verlängert werden. Elternschaft verlängert die Förderdauer zusätzlich.

Die Standards unseres Forschungsinstituts dagegen setzen auf Stellen mit Sozialversicherung und mindestens drei Jahre Förderdauer. Die Leitlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wiederum statten Promotionsstellen je nach Disziplin unterschiedlich aus: In den Geschichtswissenschaften sind 65-Prozent-Stellen üblich, in den Wirtschaftswissenschaften 75 Prozent und für Ingenieurinnen und Ingenieure gar volle Stellen. Unterschiedliche Bezahlung bei gleichen Anforderungen ist für Promovierende demotivierend und demütigend; für die Organisation ist sie süßes Gift. Unsere erste Forderung: Wir brauchen sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und gute Bezahlung – einheitlich für alle Disziplinen.

Die Betreuung der Promovierenden und die Begutachtung der Doktorarbeiten erfolgen meist durch nur eine Person (hin und wieder ergänzt durch Postdocs), was das Risiko einseitiger Abhängigkeit erhöht. Das kann Missbrauch begünstigen und der frühzeitigen Lösung von Konflikten zwischen Betreuendem und Betreutem entgegenstehen. Und: Obwohl gängige Praxis, können Postdocs formal meist keine Betreuung übernehmen. Ihre Leistung bleibt so im Unsichtbaren. Unsere zweite Forderung: Betreuung und Benotung müssen entflochten werden, die zeitaufwendige Betreuung durch Postdocs muss sichtbare Anerkennung finden.

Zur Entwicklung von Promovierenden gehört auch die Frage nach Verantwortung in der und für die Wissenschaft. Plagiatsprophylaxe sollte genauso verbindlicher Bestandteil des Curriculums werden wie Methodenkritik und Wissenschaftsethik. Daher unsere dritte Forderung: Die gute wissenschaftliche Praxis gehört in den Ausbildungskanon.

Mehr als vier Fünftel aller Doktorinnen und Doktoren verlassen auf mittlere Sicht den akademischen Betrieb, wovon andere gesellschaftliche Sektoren, etwa Wirtschaft, Verwaltung und Kultur, rege profitieren. Die gezielte Förderung außerakademischer Kompetenzen von Promovierenden unterbleibt aber bislang. Forderung vier: Anerkennung dessen, was schon lange Realität ist. Die wenigsten Promovierten können im Wissenschaftssystem bleiben, darauf sollten wir sie vorbereiten.

Hierzu zählt die Aufklärung darüber, welche Chancen das Wissenschaftssystem auf eine Dauerstelle oder eine Professur bietet. Mitte der Achtzigerjahre kamen auf eine Professur etwa drei wissenschaftliche Beschäftige, um die Jahrtausendwende waren es schon über fünf, derzeit sind es etwa acht, Tendenz steigend. Es gilt zu verhindern, die Entscheidung für den weiteren Werdegang immer mehr in die Zeit nach der Promotion zu verlegen. Die Zahl der Postdocs nimmt viel stärker zu als die der Promotionen. Entfristete Stellen für den wissenschaftlichen Mittelbau gibt es aber wenige. Unsere fünfte Forderung: Wir müssen die Entscheidung über den weiteren Werdegang auf die Zeit um die Fertigstellung der Dissertation legen. All jene, die danach noch in der Wissenschaft arbeiten, brauchen eine Perspektive auf den dauerhaften Verbleib im akademischen System.

Schließlich gibt es noch eine Maßnahme, die Promovierenden jene Wertschätzung zukommen lässt, die sie verdienen: sie beim Namen zu nennen und als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu bezeichnen. Der Begriff "Nachwuchs" kann dann emeritiert werden.