Schämst du dich noch? – Seite 1

Eva versteckt sich. Sie hat vom Baum der Erkenntnis gegessen. Jetzt sieht sie klar: Sie ist nackt. So will sie niemandem unter die Augen treten. Vor dem Biss war alles anders. Solange Eva ihre Situation nicht begriffen hat, solange ihre Ungeschütztheit normal war, hatte sie keinen Grund, sich zu verstecken. Solange Frauen weder in der Familie noch im Staat, noch in der Kirche Männern gleichgestellt waren, solange sie nirgendwo Stimmrecht hatten, solange sie ohnehin im Schatten der Männer lebten, mussten sie sich wenigstens nicht dafür schämen. Es hat sie auch so genug gekostet.

Paradoxerweise wird es durch die Erkenntnis zunächst nicht besser. Als Eva ihre Situation begreift, fühlt sie erst einmal: Scham. Für Frauen in der Kirche gilt: Je mehr Rechte sie im Staat erhalten, je selbstverständlicher sie gleichberechtigt mit ihren Brüdern aufwachsen, Schulen und Universitäten besuchen, Berufe ergreifen und mit Männern im öffentlichen wie privaten Leben auf Augenhöhe leben, desto peinlicher wird es für sie, zu einer Kirche zu gehören, in der ihnen das Los beschieden bleibt, Männern bestenfalls zuarbeiten und zuhören zu dürfen. Das gilt umso mehr für Theologinnen, die auch fachlich klar sehen, dass die lehramtlichen Begründungen für die Ausgrenzung von Frauen nichts als Scheinargumente sind. Aus Scham versteckt Eva sich.

Eine Frau, die man auf ihre Kirche anspricht, verhält sich nicht selten ähnlich. Findet sie einfach ganz schlimm das alles. Unmöglich. Das dürfte heute nicht mehr so sein, gibt sie zu Protokoll, bevor sie das Thema wechselt. Oder sie verschließt wie ein kleines Kind die Augen, in der Hoffnung, dass sie dann nicht mehr so nackt dasteht. Frauen hätten ja schon viel erreicht. Sie dürfen Theologie studieren und sogar unterrichten und in der Pastoral arbeiten und überhaupt: Sogar Bischöfe sagen heute, dass Frauen zukünftig vermehrt in Leitungsämter kommen sollen. Sobald die Frau die Augen öffnet, sieht sie sich mit der unabweislichen Realität konfrontiert: Auch Frauen, die sogenannte Leitungsämter in der Kirche innehaben, bleiben durch die Bank von männlichem Wohlwollen abhängig. Ämter und Lehrerlaubnisse bekommen nur Frauen, die sich an die nicht selten willkürlich festgelegten Regeln von Kirchenmännern halten, während das zentrale kirchliche Machtinstrument, die Weihe- und Jurisdiktionsgewalt, ihnen auch vom vermeintlich liberalen Franziskus und von den größten Frauenverstehern im Episkopat verwehrt wird.

Männer, die Frauen nur als Dienerinnen kennen, setzen zu einem vernichtenden Lobgesang an.

Gleichberechtigung sieht anders aus. In ihrer Nacktheit und Scham wird Eva von Gott gefunden. Aber scheinbar hilft er ihr nicht, sondern prophezeit ihr ihre Zukunft: Sie wird unter Mühen und Schmerzen Kinder gebären. Ihr Mann wird über sie herrschen. Diese Worte treffen ziemlich genau die Realität von Frauen fast aller Zeiten und Gesellschaften. Sie passen auch zum Frauenbild des päpstlichen Lehramts. Wo immer es sich über Frauen äußert oder sich an Frauen wendet, geht es um Sexualität, Empfängnis, Geburt, Mutterschaft. Wo immer das Lehramt darüber befindet, was Frauen erlaubt oder verboten ist und was eine Frau zum Vorbild für andere Frauen macht, sind es Männer, die sprechen.

Meist unverheiratete Männer, die Frauen in ihrem eigenen Leben nur als Dienerinnen kennen. Päpste setzen zu einem vernichtenden Lobgesang auf die Frau an, der in seiner romantischen Überzeichnung von Jungfräulichkeit, Sexualität und Mutterschaft der reine Hohn für jede Frau ist. Nicht nur, dass die Aufgaben, die Frauen heute selbstverständlich in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft übernehmen, kaum Erwähnung finden. Nicht einmal die Realität weiblicher Sexualität kommt in diesen Texten vor: Lust und sexuelles Begehren, Fehlgeburten, postpartale Depression, bereute Mutterschaft, zerbrochene Beziehungen, Armut alleinerziehender Mütter, Angst vor einem positiven Schwangerschaftstest, männliche Gewalt und nicht zuletzt – trotz Missbrauchsskandals bis heute ein Tabu – sexualisierte Gewalt, die Frauen ausgerechnet durch Priester erleben. Alles verschwindet hinter dem Lob der Frau als reiner Jungfrau und hingebungsvoller Mutter.

Was Frauen unter vier Augen über Gespräche mit Priestern erzählen, kann entsprechend gruselig sein. Verheiratete Frauen, die vom Pfarrer gefragt werden, wann denn endlich mit dem nächsten Kind zu rechnen sei. Frauen, die wegen ihrer prügelnden und trinkenden Ehemänner Hilfe suchen, und vom Pfarrer ermuntert werden, auszuhalten, auf das Sakrament der Ehe zu vertrauen und die Situation als "Ernstfall ehelicher Liebe" zu betrachten. Mädchen, die in einem Seelsorgegespräch Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schildern und daraufhin vom Kaplan mit schmierigen Sprüchen bedacht werden und mit dem Rat, sich anders zu kleiden.

Frauen, die in der Schwangerschaft eine Krebsdiagnose erhalten und denen dann Gianna Beretta Molla als Vorbild vor Augen gestellt wird. Sie sollen keine Therapie beginnen. Lieber sterben. Lieber leiden. Lieber schweigen. Lieber dienen. So lässt sich die Rolle zusammenfassen, die Frauen von der Kirche vor Augen gemalt bekommen.

Die patriarchale Grundordnung der Kirche

Wäre es für die meisten Katholikinnen und Katholiken nicht so normal, sie würden sich darüber empören, dass die oft grausamen Bedingungen, unter denen Frauen weltweit leben, von ihrer Kirche oft nicht nur ignoriert, sondern von der kirchlichen Lehre nicht selten noch zementiert werden. Dafür sollten sich führende Kirchenmänner schämen. Allein, sie scheinen es nicht einmal zu merken.

Erstaunlich viele Kleriker haben von Frauen so wenig Ahnung wie von den Grundlagen der Luft- und Raumfahrttechnik. Mit dieser bitteren Realität gehen Katholikinnen sehr verschieden um. Einige wenige gleichen einer Eva, die krampfhaft versucht, zu jenem Zeitpunkt vor dem Biss vom Baum der Erkenntnis zurückzukehren. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die patriarchale Grundordnung der Kirche ihren Anteil an der Missbrauchskrise hat, weil die systematische Ausgrenzung von Frauen zwangsläufig zu ebenso systematischer Gewalt gegen Frauen und Kinder führt, egal in welcher Gesellschaft oder Institution. Sie weigern sich anzuerkennen, dass der Ausschluss aus dem Klerus und das kirchliche Frauenbild unvernünftig, unmoralisch und theologisch unhaltbar sind. Sie haben einfach zu viel investiert, um sich das Lob zu verdienen, das das Lehramt für gehorsame und aufopferungsvolle Frauen reserviert hat. Also tun sie so, als wäre alles in bester Ordnung, wenn Frauen eben nur entschlossen dem vom Lehramt gezeichneten Ideal weiblichen Lebens folgen würden. 

Nur Frauen, die gelernt hätten, selbstlos zu lieben, könnten wahrhaft glücklich werden.

Es ginge ja um Liebe, sagen sie. Und nur Frauen, die gelernt hätten, selbstlos zu lieben, könnten wahrhaft glücklich werden. Sie schreiben Bücher mit Titeln wie Heirate und unterwirf dich (Costanza Miriano) oder Dann mach doch die Bluse zu (Birgit Kelle) und versammeln sich hinter dem Banner von Maria 1.0, um an der Seite mächtiger Kirchenmänner ihre Geschlechtsgenossinnen dafür zu verurteilen, dass sie Gleichberechtigung einfordern. Rein zahlenmäßig ist diese Gruppe, wie gesagt, eher klein.

Dagegen gleichen die meisten Katholikinnen – noch – einer Eva, die einfach gelähmt im Versteck sitzt, überwältigt von der Scham über ihre Situation und auf sich allein zurückgeworfen. Weder Adam, der ihr die Schuld an der Misere gibt, noch Gott, der die düstere Prophezeiung über ihre Zukunft ausspricht, scheinen in diesem Moment eine große Hilfe. Diese Frauen wenden sich ab und suchen in der Kirche erst gar keine Hilfe. Auch nicht in den Situationen, in denen sie sie am dringendsten brauchten. Denn sexistische Herabwürdigungen, sexualisierte Gewalt, Armut und finanzielle Abhängigkeit, ungewollte Schwangerschaften, das ständige Zerrissenwerden zwischen Beruf und Mutterschaft oder das harte Leben einer Alleinerziehenden sind keine Problemlagen, in denen sie ihrer Kirche zutrauen, ernsthaft zu helfen. Auch das müsste leitende Kirchenmänner erschrecken. Allein, sie scheinen es kaum zu bemerken. Weil sie offenbar kaum ahnen, wie sehr das Leben real existierender Frauen sich von den Heiligenlegenden unterscheidet, die sie sich im Brevier zu Gemüte führen.

Doch obwohl die meisten Katholikinnen das kirchliche Frauenideal nicht ernst nehmen, sind sie tiefer davon geprägt als ihnen lieb ist. Das lähmt sie doppelt, denn hinter der modernen Scham darüber, auf so vielen Ebenen des eigenen Lebens de facto von Männern abhängig zu sein, sitzt noch ganz tief die Scham darüber, nicht vollkommen selbstlos zu sein und sich nicht rund um die Uhr für die eigenen Kinder oder andere Menschen aufzuopfern. Ein selbstbestimmtes, unabhängiges Frauenleben, bei dem niemand auf der Strecke bleibt, scheint unmöglich. Wie frau es macht, sie macht es falsch.

Männer dagegen, speziell Kleriker, haben sich an die klaffende Diskrepanz zwischen dem moralischen Anspruch, den ihr kirchliches Amt an sie stellt, und der sündhaften Wirklichkeit ihres Lebens gewöhnt. Sie haben für sich die Formel "ex opere operato" erfunden: Das heißt, liturgische Handlungen, die sie kraft ihres Amtes vollziehen, besitzen ganz unabhängig von der Moralität des jeweiligen Amtsträgers objektiv Gültigkeit. Es muss an diesem Konzept der Objektivität liegen, dass sie ihr eigenes moralisches Fehlverhalten gegenseitig dulden, entschuldigen und immer schon einrechnen.

Dieselben Männer verwehren Frauen den Zugang zu solcher "Objektivität" und moralischen Doppelbödigkeit. Das weibliche Los bleibt ausschließlich das des Strebens nach vollkommener Heiligkeit. Und was Heiligkeit für Frauen bedeutet, haben ebendiese frauenlosen Männer der Kirche definiert: dienen, schweigen, keusch und fruchtbar sein und sich für andere aufopfern. Wagen Frauen in der Kirche es dennoch, weibliche Heiligkeit anders zu definieren – lauter, selbstbewusster, autonomer –, werden sie unweigerlich dafür abgewertet und beschämt, wenn nicht gar mir Kirchenstrafen belegt. Die Deutungshoheit über Frauen obliegt in der Kirche nun einmal Männern.

Eva kommt aus ihrem Versteck

Die Situation fühlt sich für viele Frauen entsprechend ausweglos an. Sosehr sie sich einerseits wehren wollten, so sehr sind sie andererseits gelähmt von realen Abhängigkeiten und gesellschaftlich tief verankerten christlichen Frauenbildern. Es gibt aber schließlich auch Frauen, die einfach aufstehen, gehen, zu sprechen anfangen und sich einen Weg suchen. Diese Frauen gleichen Eva in dem Moment, in dem sie aus ihrem Versteck kommt, um es mit der neu gewonnenen Erkenntnis aufzunehmen, gleich wie schwierig es werden mag. Das ist der Moment, in dem Eva begriffen hat, dass Gottes prophetische Worte keine Strafe sind, weil Gott kein Zyniker ist, der Menschen eine Fähigkeit schenkt, nur um dann von ihnen zu verlangen, dass sie sie verleugnen.

Obwohl Katholikinnen das kirchliche Frauenbild nicht ernst nehmen, sind sie tief davon geprägt.

Nein. Gott hat den Baum der Erkenntnis geschaffen. Er wusste, dass der Moment kommen würde, in dem Adam und Eva fühlen, dass sie für die Erkenntnis reif sind, dass das menschliche Leben in aller Regel ungerecht und schmerzhaft und schwierig ist, und dass es ihre eigene Verantwortung ist, es trotzdem möglichst gut zu leben, möglichst gerecht und friedlich. Das ist sein Auftrag an sie. Und je mehr Eva sich diese Erkenntnis zunutze macht, desto mehr geht sie ihren Weg mit erhobenem Haupt. Sie hat nicht nur keinen Grund, sich zu schämen. Sie hat gar keine Zeit dafür, denn sie hat etwas zu tun.

Dieser Eva gleichen die Frauen von Maria 2.0. und die vielen anderen, die weithin mit Nichtbeachtung bedacht werden und bisweilen auch mit Kirchenstrafen, die sie gleichmütig entgegennehmen, in der Gewissheit, dass der wohlwollende Blick Gottes auf ihnen ruht und dass die Zukunft auf ihrer Seite steht. Diese Frauen werden gegenwärtig immer mehr. Einige ihrer Namen seien stellvertretend für die vielen anderen genannt: Irene Gassmann, Katharina Ganz, Veronica Openibo, Mary John Mananzan, Shalini Mulackal, Emily Reimer-Barry ...

Es sind Frauen, die weder einen Drang zurück zum Glück bedingungsloser Unterordnung verspüren noch den, sich auf ewig zu verstecken. Es sind Frauen, die Gottes Auftrag, ihr Umfeld gerechter und friedlicher zu machen, ernst nehmen, und die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten dafür einsetzen. Dabei sind sie wesentlich weiter als jene, die auf eine große Revolution wütender Katholikinnen warten. Denn sie bedienen nicht die romantischen (oft männlichen) Erwartungen eines revolutionären Umsturzes. Sie haben längst verstanden, dass Revolutionen eher nicht in die Freiheit führen, sondern häufig in Diktaturen enden.

Frauen wissen, dass sie echte Gleichberechtigung nur in nüchterner, kleinteiliger Arbeit erreichen, in kooperativer Forschung, im sorgfältigen Knüpfen von Netzwerken, im geduldigen Bohren dicker Bretter und nicht zuletzt im mutigen, reflektierten öffentlichen Sprechen in strategisch klug gewählten Momenten. Und das tun sie. Seit Jahrzehnten. Großteils unbemerkt von der großen Öffentlichkeit, nimmt die Dichte und Intensität dieser weiblichen Netzwerke (Catholic Women Preach, Voices of Faith, Women’s Ordination Worldwide, um nur einige zu nennen), Forschungsergebnisse und Stellungnahmen in jüngster Zeit stark zu. Katholikinnen aller Kontinente und Generationen verbünden sich mit einer Entschlossenheit, Nüchternheit, Reflektiertheit, Energie und gegenseitigem Respekt, die den wichtigen Kirchenmännern längst abhanden gekommen ist, wenigstens wenn man den Zustandsberichten Glauben schenken mag, die man sich unter der Hand nicht nur aus der Deutschen Bischofskonferenz erzählt.

Es ist nichts als eine Frage der Zeit, bis die Dramatik der ungleichen Verteilung von formaler und moralischer Macht in der Kirche offen zutage tritt und ihre Dynamik entfalten wird. Die Zeit, in der Katholikinnen sich bereitwillig beschämen ließen, ist vorbei. Heute geht Eva ihren Weg mit erhobenem Haupt. Ein Glück für uns alle. Selbst für die, die immer noch im Busch sitzen und mit dem Finger auf sie zeigen.