Zu den vielen Merkwürdigkeiten, die die Klimadebatte hervorbringt, gehört die Rolle jener Politiker, Journalisten und Intellektuellen, die unter dem Markennamen des Konservativen bekannt geworden sind. Konservative, dies nur zur Erinnerung, zeichnete es aus, dass sie der liberalen Freiheit stets skeptisch gegenüberstanden, mal aus guten, mal aus weniger guten Gründen. Gegen den Hochmut der ungebundenen Freiheit beharrten Konservative auf dem Wert des Gegebenen und der Würde des Überlieferten, kurz auf all dem, was Menschen nicht gemacht, sondern was sie in der Welt vorgefunden haben.

Beim Streit ums Klima scheinen sich die Fronten verkehrt zu haben. In tiefer Sorge um die Freiheit blicken viele konservative Geister auf grüne Politiker, sie warnen vor Buß- und Wanderpredigern, vor klimareligiösen Selbsterlösern und Menschen, die es genießen, das Genießen zu verbieten. Grün, so fürchten sie, ist das Ende des frei fliegenden Bürgers und das Ende der Freiheit überhaupt. Der Meinungskorridor, so befand dieser Tage der Schriftsteller Bernhard Schlink, sei ohnehin so eng wie noch nie. Was dürfe man unter der Moralkeule künftig überhaupt noch sagen?

Warum etliche Konservative bei Grün rotsehen, ist nicht schwer zu sagen: Sie hegen den Verdacht, dass Grün eine Tarnfarbe ist. Die ökologisch Bewegten erscheinen ihnen als Wechselbalg des ewigen Linken; tief im Herzen des neuen Naturschützers lauert der alte Revolutionär – der Teufel trägt Öko. Und ist das trojanische Pferd der Grünen erst einmal hinter die Mauern der Macht gelangt, würden ihm nicht nur Robert Habeck und Annalena Baerbock entsteigen, sondern brandgefährliche Sozialisten wie Kevin Kühnert, vor dem Jürgen Kaube, der Mitherausgeber der FAZ, in einem Extra-Leitartikel doch sehr warnen musste.

Auch ein psychologisches Moment befeuert den Alarmismus des Konservativen: Im grünen Politiker begegnet er seinem verdrängten Erbe, er begegnet Überzeugungen, die er früher selbst vertreten hat. Früher, als Konservative noch von Schöpfung sprachen und nicht von Ressourcen. Von der Weisheit des göttlichen Weltbaumeisters und der Unantastbarkeit seines Werks. Von Maß und Mitte, von Verzicht und Selbstbescheidung, kurz: von der Limitierung der Freiheit.

Limitierung der Freiheit? Folgt man den Klimaforschern, dann ist etwas Ungeheures geschehen, etwas, das im liberalen Weltbild schlicht nicht vorgesehen war: Die Zivilisation droht ihren uralten Mitspieler zu verlieren, die Quelle ihres Reichtums und die Grundlage ihres spektakulären Erfolgs. Die Natur spielt nicht mehr mit, sie spielt verrückt, sie fiebert, streikt – oder verschwindet ganz. Sie steht den Menschen nicht mehr zur Verfügung, sondern verweigert sich. Die Natur ist nicht mehr die zeitlose Bühne, auf der die Zivilisation ihren Fortschritt inszeniert, im Gegenteil: Sie konfrontiert die grenzenlose Welt nun mit deren Endlichkeit.

Man kann sich die Details sparen, die Berechnungen, wie viel Zeit noch bleibt, um den Planeten vor seiner Überhitzung zu retten. Wenn nur ein Bruchteil der von Klimaforschern angeführten Belege stimmt, dann ist die Zäsur, die sie ausrufen, epochal, und keiner müsste dies besser wissen als der Konservative mit seinem geistesgeschichtlichen Langzeitgedächtnis und dem Talent, in großen Zeiträumen zu denken. Drei Jahrtausende lang stand es im Prinzip außer Frage, dass die Stellung des Menschen im Kosmos gesichert ist. Die Natur trägt den Menschen, und die menschliche Kultur vollendet die Natur, deren Teil sie ist. Der Kosmos, so glaubte Platon, enthält die Muster des richtigen Lebens, und die Sterne zeigen uns den Weg. Und auch wenn der Monotheismus das kosmologische Denkgebäude erschütterte, weil er das göttliche Gesetz über die Natur stellte, so blieb die menschliche Freiheit eingebettet ins Schöpfungsgeschehen. Gastlich ist die Natur, und sie kommt den Weltbewohnern entgegen. Bis zum Jüngsten Tag.

In der Renaissance geschieht dann das, von dem Forscher wie Philip Descola oder Bruno Latour behaupten, dass wir die Folgen erst heute richtig zu spüren bekämen: Es geschieht der große Bruch zwischen Kultur und Natur. Den Mathematikern, Ingenieuren, Physikern, Astronomen und Künstlern, so lautet der Vorwurf, stieg der Erfolg zu Kopf, und sie verabsolutierten die neu gewonnene Freiheit. Fortan triumphiert das selbstherrliche Subjekt über die Schöpfung, während die Natur nur noch tote Materie ist, gottloser Stoff.