Wenn wir über den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf die Ökonomie und die Arbeit sprechen, denken wir an die Zukunft, egal ob in drei, zehn oder fünfundzwanzig Jahren. Danach wird oft die demnächst heraufziehende Gefahr beschworen. Anders ließe sich der Generalpessimismus auch gar nicht in Einklang bringen mit der gegenwärtigen Faktenlage, denn im Moment wirkt die Digitalisierung in den meisten Ländern als Jobmotor. Die wichtigste Unternehmensberatung der Welt, McKinsey, veröffentlicht im Sommer 2018 eine Studie, nach der bis zu 30 Prozent der Arbeitnehmer weltweit ersetzt werden könnten, 800 Millionen Menschen. Der chinesische KI-Guru Kai-Fu Lee sagt im Januar 2019, dass innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre 40 Prozent der Jobs wegfallen. Es entstünden zwar auch Jobs, aber diese seien hoch qualifiziert und kaum von den eben entlassenen geringer gebildeten Arbeitnehmern zu erledigen. Sowohl Lee als auch McKinsey haben ihre eigenen Agenden. Zukunftswarnungen sind oft die beste Werbung für ein Produkt. Wenn eine Unternehmensberatung vor Jobverlusten warnt, klingt das in Konzernohren eher wie ein Einsparungsversprechen.

Aber durch die Unkenntnis in Bevölkerung, Medien und Politik werden Warnungen vor Massenarbeitslosigkeit für bare Münze genommen. Das ist gefährlich, weil düstere Zukunftsprognosen den Blick auf den längst im Gang befindlichen Wandel versperren. KI kommt nicht irgendwann, sondern ist schon da, die Auswirkungen speziell auf die Arbeit sind bereits erkennbar. Künstliche Intelligenz und Robotik müssen primär als neue, aggressive Formen der Automatisierung betrachtet werden. Und sie wirken auf die Arbeit zunächst wie die meisten Automatisierungswellen zuvor.

Der wichtigste Effekt der Künstlichen Intelligenz auf die Arbeit ist nicht Arbeitslosigkeit, sondern die Verstärkung altbekannter Effekte des Kapitalismus. Wir schauen auf den Horizont und halten ängstlich Ausschau nach einem kommenden Tsunami, aber stehen längst bis zur Hüfte im Wasser. Die ständige Mahnung vor den Veränderungen, die sich in zehn oder zwanzig Jahren durch KI ergeben könnten, hält uns davon ab, uns mit den Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Seit Jahrzehnten lässt sich in den meisten Industrieländern eine Aufspreizung erkennen, zwischen wenigen hoch bezahlten Jobs und immer mehr schlecht bezahlten. Etwa seit der Jahrtausendwende hat sich zum Beispiel in den USA die Produktivität entkoppelt von der Zahl der Arbeitnehmer. Das ist wahrscheinlich eine Folge der Automatisierung der Industrie und der Globalisierung, insbesondere der örtlichen Verlagerung ganzer Branchen nach Asien.

Weder ein Killerroboter noch ein allwissendes Superhirn

Vergleichbare Entwicklungen gibt es in europäischen Ländern, wenn die Wirtschaft zwar wächst, aber das Medianeinkommen damit kaum Schritt hält. In Deutschland oder Frankreich überdeckt die Arbeitslosenquote die Diskussion darüber, dass in einigen beschäftigungsintensiven Branchen die Löhne nicht im Verhältnis zur wachsenden Produktivität steigen. Auch hier lässt sich die Globalisierung als eine Ursache ausmachen. Eine andere sind die Lehren des Neoliberalismus, die seit den 1980ern zunächst Konservative und dann auch Sozialdemokraten wie Tony Blair oder Gerhard Schröder maßgeblich beeinflussten.

Nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze, sondern auch die Höhe der Entlohnung scheint sich in einigen Branchen von der Produktivität abgekoppelt zu haben. In manchen Berufen ist ein regelrechter Absturz erkennbar. Ein anekdotisches, aber plastisches Beispiel: Ein westdeutscher Juraprofessor verdiente 1963 im Durchschnitt so viel, dass er sich fast jeden Monat einen fabrikneuen VW Käfer kaufen konnte (elf Stück im Jahr, um etwas präziser zu sein). Es gab eine Zeit, da hatte man es als Professorin geschafft, auch finanziell. Das ist in Deutschland nicht mehr zwingend so. Eine Juniorprofessorin verdient netto genug, um sich einen VW Käfer im Jahr zu kaufen. Wenn sie sonst kein Geld ausgibt. In sozialen Netzwerken raunen sich amerikanische Millennials zu, dass man vor fünfzig Jahren vom Gehalt eines Fabrikarbeiters mit dreißig ein Haus kaufen konnte. Sie selbst hingegen starten als Universitätsabsolventen oft mit einem sechsstelligen Schuldenberg in die Berufswelt.

In diese Realität der Arbeitswelt drängelt sich die große Macht der Künstlichen Intelligenz, die nicht als Killerroboter daherkommt oder als allwissendes Superhirn in einer Halle des Arbeitgebers, die eines Tages eröffnet wird. Vielmehr wird eine neue Version einer längst im Betrieb bekannten Software eingeführt, und dann eine weitere und noch eine, ein fließender Übergang. Immer mehr Funktionen und Arbeitsprozesse werden zunächst durch KI ergänzt, dann erweitert und später vielleicht auch geschluckt. Andere Neuerungen bemerkt man gar nicht, weil sie abseits des Geschehens stattfinden, in das Angestellte Einblick haben. Dadurch wird die beschriebene Aufspreizung weiter vorangetrieben. Das Unternehmen wächst, neue Leute werden für ein neues Projekt eingestellt. Darunter ein paar Spezialisten für KI, die fast jedes Gehalt bekommen. Und sehr viel mehr Leute, die nicht mehr so gut ausgebildet sein müssen wie zuvor.

"Je klüger die Maschine, desto weniger gut ausgebildet muss die Person sein, die an oder mit ihr arbeitet – und desto geringer die Personalkosten."

Dieser Effekt ist, mit etwas anderem Hintergrund, bei einem deutsch-chinesischen Vorzeigeunternehmen der Robotik zu beobachten, bei Kuka. Im Juli 2016 preist man ein Projekt an, bei dem Roboter in eine Werkstätte für geistig behinderte Menschen geliefert werden. So soll die Fertigung für einen regionalen Automobilzulieferer unterstützt werden. Damit offenbart sich eine zu selten thematisierte Konsequenz der Robotik und der Künstlichen Intelligenz: Was früher gut ausgebildetes und deshalb teures Personal erforderte, kann inzwischen mit weniger gut oder fachlich gar nicht ausgebildeten Mitarbeitern bewerkstelligt werden. Ein schon länger beobachtbares, aber oft übersehenes Problem, die Überqualifikation vieler Arbeitnehmer, wird sich weiter verschärfen. Die Regel der neuen Automatisierung durch KI und Robotik heißt: Je klüger die Maschine, desto weniger gut ausgebildet muss die Person sein, die an oder mit ihr arbeitet – und desto geringer die Personalkosten. Das ist der vielleicht wichtigste gesellschaftliche Effekt der Künstlichen Intelligenz auf die Arbeitswelt. Er verstärkt sich überall dort, wo Menschen nicht nur mit Maschinen arbeiten, sondern mit Maschinen konkurrieren müssen.

Folgerichtig finden sich die bittersten Auswüchse in westlichen Industrieländern dort, wo Menschen algorithmisch organisiert für wenig Geld arbeiten: Paketboten werden rund um den Globus ausgebeutet, und zwar schon heute oft mithilfe Künstlicher Intelligenz. Obwohl oder gerade weil der Erfolg der digitalen Handelsplattformen auch ein großes Wachstum der Logistikbranche gebracht hat. Das Fließband des frühen 21. Jahrhunderts ist die algorithmisch gesteuerte Dienstleistung, wie sie bei Paketboten die Regel ist. Deshalb lohnt die nähere Betrachtung der Hintergründe, und das bedeutet in der westlichen Welt, das System Amazon genauer zu untersuchen. Ohne zu vergessen, dass Amazon hier nur ein Beispiel für Digitalisierung auf dem Rücken der ökonomisch Schwachen ist. Die meisten anderen Konzerne dieser Branche verhalten sich kaum besser.

"Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart" erscheint am 12. September bei Kiepenheuer & Witsch.