"Meine Schule des Lebens": In dieser Reihe erzählen Persönlichkeiten, was sie gelernt haben.

DIE ZEIT: Frau Kroymann, Ihre Eltern waren beide Altphilologen, die Mutter promoviert, der Vater Professor. Sie sagen von sich selbst, Sie hätten einen Hang zum Trivialen. Hatten Sie eine anstrengende Kindheit?

Maren Kroymann: Nein! Aber mein Elternhaus ist sicher ein Grund dafür, dass ich das unseriöse Genre gewählt habe. Ich singe Schlager und arbeite fürs Fernsehen – das ist eigentlich undenkbar für eine Professorentochter aus Tübingen. Ich musste dieses Anspruchsvolle, dieses Bildungsbürgerliche unterlaufen, um mich nicht diesem Druck auszusetzen.

ZEIT: Was genau war das für ein Druck?

Kroymann: Der Druck, intelligent zu sein, auf natürliche Weise begabt. Diese Erwartung war nicht ausgesprochen, aber sie schwebte über mir und meinen vier älteren Brüdern. Das wurde ironisch reflektiert, aber sie waren doch da, diese kurzen Blicke, wenn jemand nur ein Wort falsch aussprach oder eine Jahreszahl nicht wusste.

ZEIT: Sie besuchten in Tübingen das humanistische Gymnasium. Von heute aus betrachtet: War Latein nicht Zeitverschwendung?

Kroymann: Überhaupt nicht! Latein gibt Struktur im Hirn. Latein hat mir auch fürs Deutsche geholfen. Ich spreche plastischer. Sicherlich hat meine Mutter mich auch mit ihrer Liebe zur Sprache angesteckt. Das Lateinische hat sie daran erinnert, was sie eigentlich leisten kann.

ZEIT: Wieso?

Kroymann: Latein ermöglichte ihr den eigenverantwortlichen Aufstieg zu etwas anderem, als ihr bestimmt war. Eigentlich sollte sie nur Mittlere Reife machen, aber dann griff ihre Lehrerin ein und sagte, das Kind ist begabt und muss Abitur machen. Meine Mutter studierte Latein und promovierte dann gleich noch. Das war 1937.

ZEIT: Hat Ihre Mutter trotz ihrer fünf Kinder noch gearbeitet?

Kroymann: Ja. Sie hat in Tübingen das Stipendienprogramm Fulbright gestartet, hat den amerikanischen Studenten Deutsch beigebracht. Und sie gab Lateinnachhilfe. Mehrere Generationen von Schülern wohnten sogar bei uns, die mit ihrer Hilfe doch noch die Versetzung schafften. Meine Mutter machte das gut, sie war geduldig – im Gegensatz zu meinem Vater. Ich weiß noch, wie ihm einmal bei einem Schüler die Halsschlagader schwoll und er schrie: "Mensch, das ist doch ein AcI!" Ich zuckte zusammen und dachte, der AcI, das muss ja was Schreckliches sein.

ZEIT: Wenn es ihren Vater schon so aufgebracht hat, wenn ein fremdes Kind diese lateinische Satzkonstruktion, den Akkusativ mit Infinitiv (AcI), nicht erkannte – wie hat er erst reagiert, wenn Sie eine schlechte Note mit nach Hause brachten?

Kroymann: Meinen Eltern ging es nie darum, dass wir die besten Noten schrieben. Verbissener Ehrgeiz war bei uns verpönt. Meine Mutter hat auf Streber sogar richtig herabgeguckt. Diese Haltung hat sich mir eingeprägt. Ich will keine Streberin sein. Wenn ich mal eine vier mitbrachte, schenkten meine älteren Brüder mir fünfzig Pfennig.

ZEIT: Sind Sie reich geworden?

Kroymann: Nein. Ich war zwar nicht die Klassenbeste, aber ich war doch eine Leichtlernende. Als jüngstes Kind bekommt man vieles einfach so mit. Lesen konnte ich schon vor der Schule, die erste Klasse habe ich ausgelassen.

ZEIT: Wie kam das?

Kroymann: Damals war die Einschulung in Baden-Württemberg im Frühjahr, ich habe im Juli Geburtstag, wäre also fast ein Jahr später in die Schule gekommen. Meine Eltern fanden aber, dass ich aufgeweckt genug war. Sie tricksten und schickten mich nach Bayern, wo die Kinder im Herbst eingeschult wurden. Ich wohnte bei einem Freund meines Vaters, ging dort kurz vor Schuljahresende für sechs Wochen in die erste Klasse, und bekam das Zeugnis. Zurück in Tübingen, kam ich dann gleich in die zweite Klasse.

ZEIT: Das hat funktioniert?

Kroymann: Na ja. Was meine Eltern nicht bedachten, war, dass die Klasse schon ein Jahr zusammen war. Gleichaltrige Mädchen waren mir auch eher fremd, ich hatte ja nur ältere Brüder. Und ich konnte kein Schwäbisch. Meine Eltern waren beide Berliner und wollten nicht, dass die Kinder Schwäbisch schwätzen. Da war ich sozial schon etwas ausgegrenzt.