In Deutschland gilt es als größter kulturpolitischer Coup, wenn es gelingt, einen berühmten internationalen Namen aus dem Hut zu zaubern und als Direktor einer wichtigen nationalen Kulturinstitution zu installieren. Unsere nagenden Selbstzweifel verstummen dann für einen Moment: Wir sind doch nicht Posemuckel. Wie gut fühlte sich das Land, als Neil MacGregor, zuvor Direktor des British Museum, zum Gründungsintendanten des Humboldt Forums in Berlin berufen wurde! Man wuchs gleich um zwei Zentimeter.

In Italien war das jahrzehntelang anders. In der Museumspolitik gab es nur nationale Personalien. So wie der italienische Arbeitsmarkt insgesamt einer der geschlossensten ist, der sich jeden Wettbewerb vom Hals hält – was schön für die ist, die drin sind –, so wurden auch Museumsposten national und gern intern besetzt. Disruption gehörte nicht zum Verwaltungsstil italienischer Kulturpolitik.

Da war es eine echte Revolution, als Dario Franceschini, Kulturminister der Regierung Matteo Renzi, 2014 beschloss, die Besetzung der Direktorenposten von zwanzig Museen tatsächlich erstmals in der italienischen Geschichte EU-weit auszuschreiben – und den Museen gleichzeitig mehr Autonomie und Budgethoheit einzuräumen. Tatsächlich gingen sieben Direktorenposten an Ausländer, darunter drei Deutsche und zwei Österreicher. Der Vorgang wurde als so ungeheuerlich empfunden, dass es zu Klagen bis zum obersten Verwaltungsgericht kam, das diese allerdings abwies. Die Uffizien in Florenz wurden daraufhin von dem Deutschen Eike Schmidt geleitet, dem es binnen kürzester Zeit gelang, die Besucherzahlen zu erhöhen und die Schlangen vor dem Museum zu verkürzen. Fun-Fact: Unter seiner Ägide erhielten die Uffizien erstmals eine Webseite.

Doch auf die Regierung Renzi folgte das Regierungsbündnis von Cinque Stelle und Lega, und deren neuer Kulturminister Alberto Bonisoli von den 5 Sternen sprach gern von "Italien zuerst", sodass der Eindruck entstehen konnte, er wolle das Rad zurückdrehen.

Tatsache ist, dass vier der sieben neuen Direktoren ohne italienischen Pass dabei sind, Italien den Rücken zu kehren, unter teils heftigen Invektiven gegen die Regierung in Rom. Weshalb das Narrativ, wonach die Rechtspopulisten die Renationalisierung der Kulturpolitik betrieben, gut zu passen scheint. Trotzdem gilt es festzuhalten: Die meisten verlassen ihre Posten aus Gründen der Karrieremobilität. Eike Schmidt hatte schon vor zwei Jahren unterschrieben, ab November 2019 das Kunsthistorische Museum in Wien leiten zu wollen, Peter Assmann, bisher Direktor des Palazzo Ducale in Mantua, kehrt in seine Heimat zurück, er geht ans Tiroler Landesmuseum in Innsbruck, während Peter Aufreiter das Technische Museum in Wien leiten wird, obwohl man ihm für den Palazzo Ducale in Urbino eine Vertragsverlängerung angeboten hatte. Der Vertrag mit Gabriel Zuchtriegel, Direktor der antiken Stätten in Paestum, wurde verlängert. Wirklich vor die Tür gesetzt wird nur Cecilie Hollberg, die die Galleria dell’Accademia in Florenz erfolgreich leitete. Diese allerdings wird künftig mit den Uffizien zusammengelegt, eine Rationalisierungsmaßnahme, die fatal sein mag, aber nicht unbedingt nationalistisch ist.

Außerdem deutet bislang nichts darauf hin, dass nicht auch künftige Neubesetzungen wieder EU-weit ausgeschrieben werden.

Alles andere wäre auch verrückt. Der Tourismus in Italien explodiert: 1991 zählte man etwa 20 Millionen Touristen aus dem Ausland, 2018 waren es 63 Millionen. Jeder Italienbesucher spürt, wie plötzlich neben ihm auch die gefühlten 1,3 Milliarden Chinesen Botticellis Venus sehen wollen. Unerhört! Wer in Padua die Giotto-Fresken sehen will, wird in einem Schleusenverfahren wie Fleischmasse portioniert, um dann für genau zehn Minuten die Arena-Kappelle betreten zu dürfen, bevor der Menschenklumpen zur anderen Seite wieder herausgepresst wird. Und selbst das Pantheon in Rom ist nicht mehr frei zu betreten, die Besuchermassen werden seit Kurzem in langen Schlangen kanalisiert und segmentiert. Italien birgt die reichsten Kunstschätze der Welt, es hat auch die besten Direktoren verdient, denn die Aufgaben sind riesig.