Die Berliner Autorin Nora Bossong veröffentlicht mit Schutzzone einen Roman, der sich durch seine Ernsthaftigkeit und seine literarische Könnerschaft von der Saisonproduktion der Verlage deutlich abhebt. Er ist durchdacht, fein komponiert und ausgezeichnet formuliert, ein Beispiel dafür, dass es beim Schreiben gelegentlich doch noch um Literatur geht. Mit anderen Worten, er fordert seiner Leserin und seinem Leser eine gewisse Konzentration ab. Die Welt, in der Schutzzone spielt, mag politisch und kulturell fern gelegen sein, aber was sich darin ereignet, liegt tatsächlich nahe. Wer will, kann mit Bossong eine Reise antreten, um die Welt und durchs Innere.

Eine junge Frau, Anfang dreißig, erzählt diese Geschichte – ihre eigene, und zwar nachdem sie die ersten ramponierenden Zusammenstöße mit dem Leben hinter sich gebracht hat. Die Illusionen liegen in Trümmern, aber es geht sachlich zu, denn die Frau neigt nicht zur Weinerlichkeit. Sie adressiert den Roman an ihren verflossenen Liebhaber. Der Wunsch, er möge von ihr lesen, entspringt keiner Sentimentalität, enthält keinen Vorwurf. Er entspringt vielmehr einem Selbstrettungsversuch; "dieses unvollständige Leben" wird erinnert und erfunden, um, wennschon nicht mehr geliebt, so immerhin doch wahrgenommen zu werden.

Anfang der Neunziger kommt diese Mira Weidner als Scheidungskind für ein paar Monate in eine befreundete Familie, bis die eigenen Eltern sich arrangiert haben. Für Mira wird es eine prägende Zeit sein. Sie ist acht, der Sohn Milan, der sich ihrer freundlich, aber routiniert annimmt, sechzehn. Sein Vater, ein bedeutender Diplomat aus einer Diplomatendynastie (... ich habe schon dem Kaiser gedient, wenn du so willst"), ist fast immer im Ausland, oft genug in gefährlicher Mission, daher von Mythen umflort. Dort also, wo es gediegen zugeht, lernt Mira die Idee des Helfens kennen, des politischen Eingreifens, ja der Weltrettung. Es ist das große bürgerliche Ethos. Sie studiert Internationale Beziehungen, hat eine Affäre mit einem Historiker, dann entscheidet sie sich endgültig für das Wanderleben im Zeichen des Guten: Sie geht zu den Vereinten Nationen.

Die UN als Lebensform kennt zwei Aggregatzustände, einen bürokratischen in den Glaspalästen von Genf oder New York und einen heroischen im Ausland, wo das Blut fließt. Mira lernt beide kennen. Die graue und neblige Neutralität der Westschweiz wird ihr neues Zuhause. Doch dann wird sie nach Bujumbura entsandt, die Hauptstadt Burundis, wo sich die Erinnerungen an die Gräuel zwischen Tutsis und Hutus bereits mit den Nachrichten von neuen Massakern mischen.

Wie das Nachbarland Ruanda war auch Burundi einst ein Teil von Deutsch-Ostafrika. Dort konzentriert sich das Katastrophische auf dem Kontinent wie in einer Petrischale – die Kindersoldaten, die Vergewaltigungen, die Gewalt, der Zynismus der Machthaber und der Zynismus der Opfer, die Lügen, die Angst, die Verdüsterung, welche die UN-Missionäre ergreift, wenn sie sich in ihren Camps einen abendlichen Whisky genehmigen.

Mira wird Zeugin der scheinbar grundlosen Konflikte, die für den Beobachter verwirrend aus einer Aufschwemmung von Interessen emporsteigen und dann wie Blasen platzen. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis, und ihr Job ist, für Vernunft zu sorgen. Die privilegierten Expats der UN und der NGOs flüchten sich in schalen Hedonismus. Der Pool hält ihre Welt zusammen. Sie verdrängen die Einsicht in die offensichtliche Vergeblichkeit ihrer Missionen, genauso wie ihre Organisationen, die das Wort "Scheitern" sorgsam vermeiden und von "Genozid" nie reden, weil der Völkermord nach Versagen klingt und die eingetretene Katastrophe benennt, um deren Verhinderung willen man doch interveniert hatte.

Sie soll ins Land gehen und die Menschen befragen, wie es wirklich war, wer wem was antat. So sollen Wahrheitskommissionen vorbereitet werden, die, was jeder vor Ort schon weiß, niemals tagen. Mira ist besonders gut darin, jemanden zum Reden zu bringen, und irgendwann begreift sie, dass das Erzählen selbst eine Art Hilfe ist. Die Rettung kommt nicht von der "Wahrheit", die sich hartnäckig versteckt hält hinter tausenderlei Versionen und Perspektiven, hinter Erinnerungslücken und Schwindeleien. Nur das Erzählen lindert, nicht die offizielle Version der Ereignisse, mit der die Weißen Politik machen möchten. So wird sie eine zweite Sheherazade, die nicht für einen grollenden König Geschichten erfindet, um ihr eigenes Dasein zu retten, sondern anderen die Chance gibt, sich als ein Ich wiederaufzurichten und weiterzuleben.