"Wollen Sie aus diesem Land eine Demokratie machen oder ein Genozidmuseum?", fragt ein lokaler, mit scharfem Verstand begabter Warlord. Wenige Monate sind für Mira vonnöten, um am offiziellen Selbstbild der Vereinten Nationen zu zweifeln. Hinter jeder UN-Mission, so ihr Fazit, steckt der alte Herrschaftsanspruch der Kolonialmächte, steckt Kontrollwille und Erziehungswahn im Zeichen des Guten. Die Massaker hinterlassen Leid und lassen die Menschen Rache schwören, aber die moralischen Konzepte "Frieden" oder gar "Versöhnung" bleiben demgegenüber westliche Erfindungen oder bequeme Denkgewohnheiten.

Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, lebt als Schriftstellerin, Dichterin und Essayistin in Berlin. © Laura J. Gerlach

Das ist der unlösbare Konflikt, in dem Nora Bossongs Heldin steckt: Als Europäerin muss sie an eine fortschreitende Zivilisierung der Welt glauben, an UN-Missionen, multilaterale Politik, Völker- und Menschenrecht. Afrika hingegen konfrontiert sie mit der Widervernunft der Ereignisse und der ewigen Wiederkehr von Mord und Totschlag. Und dies, ein Leben, das sie in ein stehendes Jetzt zwingt, während sie sich als UN-Beamtin die Illusion von Fortschritt abfordern muss, erscheint ihr als ein unlebbares Leben.

An dieser Stelle motiviert die Autorin mit großem Geschick die Liebesgeschichte in diesem Buch. Die Liebesgeschichte ist für sich genommen kurz und unbedeutend: Mira trifft Milan wieder, auch er bei den UN, sie penetriert gleichsam dessen Ehe, die nicht gut ist, aber um des kleinen Sohnes willen noch besteht. Das Ganze bleibt eine kurze Episode. Es ist, als zwänge sich die Heldin dazu, um überhaupt wieder ein Gefühl für das Verfließen der Zeit zu entwickeln, eine erzählbare Geschichte zu erleben, sich eine Biografie anzueignen.

Bossong setzt das Fragmentarische und Assoziative in der Persönlichkeit ihrer Heldin in Form um: Der Roman spielt auf sieben zeitlich datierten Erzählplateaus, die Leserin und Leser in eine kontinuierliche Geschichte umwandeln können. Schutzzone ist kein Bildungsroman einer jungen Aktivistin, er schildert nicht die Erlebnisse einer starken Frau. Er ist ein Buch der Desillusion. Es gibt keinen versöhnlichen Ausblick. Vielmehr nimmt Bossong ihre Leser auf eine Reise unter die Oberfläche des offiziellen Weltmoraloptimismus mit und knipst dort ein Licht an. Dort in den Gruben und Höhlen leben Gespenster, die Selbstgefälligkeit, das gezielte Verkennen, die falsche Idealisierung. Sie fragt: Was ist angemessen, und was kann sich überhaupt noch "gut" nennen, angesichts der Konfliktrealitäten? Und wie kommt eine/r dazu, zum Samariter zu werden? Ist es überhaupt gut, "gut" zu sein? Oder ist es Ausdruck einer Beschädigung, für die man nichts kann und die das Leben schwerer macht?

Was am Ende bleibt, ist jene seltsame Tätigkeit, die den Ideen behutsam die Kleider auszieht, die Kriege absurd erscheinen lässt und die Machthaber ins Lächerliche zieht: das Erzählen, welches das erlernte Bild abgräbt, das man von sich hegt, und doch die Person rettet, weil die Wahrheit fiktional ist, Design, Entwurf, Spielerei des Ichs, kein Glaubensdogma für andere, sondern eigene Verantwortung. Und wo wäre solche Einsicht besser zu gewinnen als in Afrika, dem erzählenden Kontinent, wo eben nicht nur Hunger und Krieg herrschen, sondern wo sich Zukunft anders herstellt, als wir wahrhaben möchten, jenseits der linearen Vernunft und ihrer Institutionen, in tausendundeiner Geschichte, gehört und vergessen, wiederholt und neu formuliert. Bis tatsächlich etwas daraus folgt.

Nora Bossong:  Schutzzone
Roman;  Suhrkamp,  Berlin 2019;  332 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €