"So kannst du nicht gewinnen, Hasi!" Bei den Australian Open sah es nicht gut aus für den Tennisprofi Tommy Haas. Bevor er weiterspielte, machte er seinem Ärger Luft. "Du bist ein Vollidiot!", beschimpfte er sich selbst. "Aber du gewinnst es noch. Kämpf!" Muss man sich um einen Menschen, der laut mit sich schimpft und verhandelt, Sorgen machen, hat er eine Schraube locker?

Selbstgespräche haben keinen guten Ruf. Zu schnell denken wir an jemanden, der in der U-Bahn ununterbrochen vor sich hin murmelt. Fragt man Psychologen, gibt es jedoch kaum einen Grund, sich schamerfüllt auf die Lippe zu beißen, sollte man sich beim Plaudern mit sich selbst erwischen. Im Gegenteil: Selbstgespräche sind ein perfektes Ventil für starke Gefühle – Frustration, Wut, aber auch Vergnügen. Wer zu sich spricht, kann sich zudem Dinge besser merken, Gedanken klarer strukturieren und Probleme schneller lösen. Das gilt zwar auch für Sätze, die wir uns im Stillen sagen; viele Forscher unterscheiden daher nicht zwischen inneren Monologen und hörbar geführten Selbstgesprächen. Doch durch die Laute verstärken sich die positiven Effekte noch. Nur wenn Menschen mit jemandem sprechen, der für alle anderen stets unsichtbar bleibt, könnte dies auf eine psychische Erkrankung hinweisen.

Der Psychologe Thomas Brinthaupt von der Middle Tennessee State University in den USA unterscheidet vier verschiedene Funktionen, die gesunde Selbstgespräche erfüllen können: Selbstkritik (siehe Tommy Haas), Selbstbestätigung ("Das habe ich gut gemacht!"), Selbstmanagement ("Nicht den Schlüssel vergessen!") und das Vorab-Einschätzen sozialer Situationen, etwa wenn man übt, wie man seinem Nachbarn am besten sagt, dass er zu laut ist ("Sind Sie schwerhörig?"). In puncto Selbstkritik sollte man allerdings darauf achten, dass man nicht ständig so hart mit sich ins Gericht geht, weil das depressive Stimmungen fördert und verstärkt.

Wenn Entscheidungen anstehen, kann es helfen, sich Fragen zu stellen ("Schaffe ich das?"), denn bei der Antwort wird man sich seiner Motivation und seiner Fähigkeiten bewusst. Wer darüber hinaus mit sich in der dritten Person spricht – also statt "ich" den eigenen Namen verwendet – schafft Distanz und kann noch besser als sein innerer Ratgeber wirken.

Am besten erforscht sind Selbstgespräche beim Sport. Sie fördern die Konzentration und verbessern das Selbstwertgefühl. Auch Stresssituationen werden leichter bewältigt. Mit seinen Tiraden hat Tommy Haas also vieles richtig gemacht. "Du gewinnst das, Hasi!", spornte er sich selbst immer wieder an – und gewann in Australien tatsächlich.