© Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT

Trauen Sie sich ruhig auszusteigen aus dieser kleinen Regionalbahn, die genauso grün ist wie der Rest des Thüringer Waldes. Die Bahnfahrt war beschaulich. Sie konnten den ältesten deutschen Weitwanderweg im Dickicht vermuten und das ihm gewidmete Rennsteig-Lied des Lokalkomponisten Herbert Roth auf YouTube suchen, mussten dann aber aufgeben wegen fehlenden Netzes. Aber keine Sorge, Sie werden von ganz allein in eine akkordeonhafte Wandervogelstimmung verfallen. Denn wer nach Suhl will, der will vor allem wieder raus: in die Natur, ins Gebirge.

Folgen Sie der Bahnhofstraße nach links bis in die Fußgängerzone. Sie passieren stattliche Bürgerhäuser in Pastellfarben, fränkische Fachwerkhäuser, geschieferte Einfamilienhäuser und moderne Neubauten. Wenn Sie wollen, können Sie Epochen-Bingo spielen. Hier hat fast jede Architekturrichtung eine Spur hinterlassen. Hinter der barocken Kreuzkirche steuern Sie auf das graue Tor zu, hinter dem sich der Suhler Weinkeller verbirgt, ein Spezialitätenladen im Gewölbekeller, der ganz vom Duft geräucherter Würste durchzogen ist. Kaufen Sie sich eine Knackwurst in Form eines Wanderstocks und einen kleinen Kräuterschnaps namens Suhler Waffenöl. Vertrauen Sie mir, Sie werden ihn brauchen. Militante Brotesser gehen weiter, bis sie eine goldene Brezel hängen sehen. Dort gibt es selbst gebackene Brötchen, die übrigens genau die richtige Konsistenz haben, um eine Wurstware zu umschließen. Veganer können den einsamen Gemüsemann suchen, der manchmal im Sommer am Dianabrunnen steht, in welchem die Jagdgöttin inmitten von springenden Fluten zwei Wildschweine plattzumachen versucht.

Seit dem Mittelalter werden in Suhl Waffen hergestellt: zunächst Hieb- und Stichwaffen, später Hand- und Hakenbüchsen, Flinten und Pistolen, schließlich Maschinengewehre und während des Zweiten Weltkrieges sogar Raketenwerfer. Bis heute werden Jagd- und Sportwaffen in der Stadt produziert – und auch ausgiebig benutzt. Der Slogan lautet: "Suhl trifft". Hier trainieren Sportler im Winter nicht einfach Skifahren, sondern gern auch Biathlon.

Wenn Sie auch mal so richtig ballern wollen, fahren Sie in den Vorort Friedberg; da steht eine der größten Schießsportanlagen Deutschlands, wo man für wenig Geld viel Munition abfeuern kann. Wenn Ihnen ein Schuss mit einer Lichtwaffe reicht, kommen Sie lieber ins Waffenmuseum. Dafür gehen wir zurück zur Kreuzkirche und steigen die Treppen zur Philharmonie hinab. Das Kulturhaus ist natürlich längst tot und mit Brettern vernagelt. Toter als die Wildschweine im Brunnen, toter als Ihre Knackwurst im Rucksack. So tot wie die DDR, die Suhl einst zur Bezirkshauptstadt gemacht hatte und das Südthüringer Städtchen zur Metropole aufdonnern wollte. Die letzte Grandezza zeigt sich noch in den ausladenden Treppen, dem Paradeplatz und dem Forellenteich, an dem sich heute die Jugend trifft.

Sobald Sie im Waffenmuseum für immer verstanden haben, dass Büchsen keine Dosen sind, lassen Sie das Congress Centrum links liegen, tauchen durch die Unterführung ab und am Fuß des Dombergs wieder auf. Es ist der Hausberg der Stadt, der mit 675 Metern zwar nicht sehr hoch, aber dafür sehr steil ist. Am Hang schlägt Ihnen schon der erdige Duft des Waldes entgegen, in den sich Zypressen, Oleander und Lorbeerbäume mischen. Hinter den schmiedeeisernen Toren der Kober-Villa befindet sich eine herrliche Gartenanlage. Über ihr flattert eine deutsche Flagge – "aus patriotischen Gründen", wie der Besitzer sagt. Nur wenige Schritte weiter steht vernagelt und leer jene prächtige Villa der Fabrikantenfamilie Simson, die von den Nazis enteignet wurde.

Jetzt trinken Sie besser mal Ihren Schnaps, schütteln sich und gehen weiter den unbefestigten Weg bergan. Unten rauscht die Stadt, aber mit jedem Schritt umschließt der Wald Sie fester. Gerade wenn der Weg anstrengend wird, taucht die Ottilienkapelle auf, ein rot-weißes Gotteshäuschen, das laut Inschrift im 19. Jahrhundert zu "Gastronomischen Zwecken" wieder aufgebaut wurde. Da setzen Sie sich hin, packen Wurst und Brötchen aus und gucken hinunter ins Tal. Wenn Sie jetzt ganz still sind, dürften Sie ein leises Akkordeon in sich hören, zu dem ein Mann mit rollendem R etwas von singenden Vögeln, silberklaren Bächen und natürlich dem Rennsteig singt.