DIE ZEIT: Vor wenigen Wochen ist Erebos 2 erschienen, die Fortsetzung Ihres Romans, in dem ein Computerspiel Menschen erpresst und manipuliert. Erebos verändert das Leben derjenigen, die es spielen, hat es auch Ihres verändert?

Ursula Poznanski: Ganz massiv! Denn der erste Teil war vor zehn Jahren mein Durchbruchsbuch. Das ändert alles. Angefangen damit, dass ich heute hauptberuflich Autorin bin. Das Schreiben wird für mich sicher nie zur Routine, aber ich weiß heute, was ich tue, und bin handwerklich geschickter und schneller.

ZEIT: Ist Erebos 2 also der bessere Roman?

Poznanski: (lacht) Nein. Ich hoffe natürlich, dass ich mich als Autorin entwickelt habe, aber ich halte beide Bücher für ähnlich gut. Das erste hat den rasend großen Vorteil, dass die Idee eines Computerspiels, das ins wahre Leben eingreift, neu war. Bei einem Wettlauf hätte der erste Teil immer ein paar Sekunden Vorsprung. Das muss der zweite jetzt erst einmal aufholen.

ZEIT: Er ist direkt auf Platz eins der Bestsellerliste eingestiegen. Es scheint gut zu laufen mit dem Aufholen. Standen Sie beim Schreiben unter Druck, mit Teil eins Schritt zu halten?

Poznanski: Ich bin für Druck eigentlich nicht anfällig, aber bei diesem Buch war ich doch ein bisschen nervös. Ich wollte vor allem die Fans nicht enttäuschen. Zum Glück zeigen die Rückmeldungen bisher, dass mir das offenbar gelungen ist.

ZEIT: Dabei wollten Sie gar keine Fortsetzung schreiben. Warum haben Sie es doch getan?

Poznanski: Erebos beruht darauf, dass man sich fragt: Lebt dieses Spiel? Das Utopische ist in den vergangenen zehn Jahren aber abhandengekommen. Wenn man sieht, was unsere Computer heute können, haben sie meine Fantasie längst überholt.

ZEIT: Sie schreiben Romane über Datenbrillen, Computerspiele, Gehirn-Bots. Kennen Sie sich in diesen Feldern gut aus?

Poznanski: Nicht sonderlich. Ich versuche auch immer, nicht in technische Details zu gehen. Ich spinne herum und mache eine Geschichte daraus. Die Wissenschaftler sind es, die sich zwar mit denselben Fragen beschäftigen, aber dann Realität erschaffen.

ZEIT: In Erebos 2 kann man dem Spiel kaum entkommen. Die künstliche Intelligenz überwacht die Spieler, tätigt Anrufe mit deren Stimmen, legt Rechner und Handys lahm. Gehen Sie jetzt anders mit Ihrem Handy um?

Poznanski: Nein, meine eigenen Bücher können so etwas bei mir nicht auslösen – so ähnlich, wie man sich nicht selbst kitzeln kann. Unbehagen habe ich vor dem Schreiben gespürt. An einem Abend saß ich mit Freunden zusammen, und wir sprachen über Lokale in Wien. Die Handys lagen auf dem Tisch, und am nächsten Tag bekam ich Werbung von den Bars. Momentan geht es vor allem um Konsum, aber es sind natürlich auch ganz andere Dinge möglich.

ZEIT: Im ersten Band ist das Spiel ein Racheinstrument, im zweiten steckt ein zumindest moralisch guter Grund dahinter. Sehen Sie in der künstlichen Intelligenz eine gesellschaftliche Bereicherung?

Poznanski: Ich weiß es nicht und würde da auch keine Prognose wagen. Aber ich finde es interessant, darüber nachzudenken.

ZEIT: Anders gefragt: Rechtfertigt der gute Zweck alle Mittel?

Poznanski: Diese Frage stelle ich in meinen Büchern ja immer gern, aber die Antwort muss jeder für sich finden. Was tust du, wenn du entscheiden musst, ob ein Mensch stirbt oder zehn? Ist das Leben des Einzelnen weniger wert als das von vielen? Es ist ein Gedankenspiel.

ZEIT: Sie sind bekannt für Ihre Thriller. Sehen Sie sich denn auch als politische Autorin?

Poznanski: Ich würde das nicht so formulieren, weil es eine Antiwerbung ist. Aber es spielt eine Rolle. Ob Erebos 2 ein politischer Roman ist? Ich würde sagen: Jein.

ZEIT: Es geht darin aber nicht nur um unseren Umgang mit der Technik, Sie schreiben auch – so viel sei verraten – über Afrika und unser Verhältnis zu den Menschen dort. Und das in einer Zeit, in der wir über Flüchtlinge, das Erbe des Kolonialismus und die Folgen des Klimawandels debattieren. Das ist doch hochpolitisch!

Poznanski: Und sicher habe ich es genau deshalb zum Thema gemacht. Mich beschäftigen diese Fragen sehr. Dass es uns so gut geht, hat auch damit zu tun, dass wir uns anderswo so lange ungestraft bedient haben. Es werden viel zu wenig Gedanken daran verschwendet, wie man dem gerecht werden kann. Aber Erebos 2 ist zunächst mal eine spannende Geschichte – nur wollte ich dafür eine Basis mit Substanz