Der Amazonas brennt, ausgerechnet jetzt. Anfang Oktober beginnt im Vatikan eine Bischofssynode, bei der sich der Rauch der Waldbrände noch nicht ganz verzogen haben wird. Ihr Thema lautet "Amazonien: Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie". Es kommt nicht oft vor, dass sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und die der Führungsetage der katholischen Kirche überschneiden. Diesmal ist es so und im übertragenen Sinn werden zum Treffen einige Brandherde erst richtig zu flackern beginnen.

Es wird bei den Beratungen der Bischöfe im Vatikan gewiss auch um die Waldbrände gehen, um die Umweltzerstörung dieser "Lunge des Planeten", wie auch Papst Franziskus das Amazonasbecken schon bezeichnete. Es wird um Ausbeutung, Nachhaltigkeit, Ökologie, soziale Gerechtigkeit und um die Ureinwohner der Region gehen, doch das alles nur am Rande. Der eigentliche Sinn des Treffens ist, den Amazonas als Hebel zu benutzen. Mit seiner Hilfe will Franziskus seine Kirche eine weitere Stufe hinauf auf dem Weg zu ihrer neuen Identität im 21. Jahrhundert schubsen.

Konservative Kritiker wenden hier ein, der Papst dürfe die Kirche nicht verändern, er könne das angesichts der ewigen Beständigkeit des Depositum fidei, des im Kern unveränderbaren Glaubensgutes, auch gar nicht. Doch die Wirklichkeit steht über der Idee, hat Franziskus in seiner Programmschrift Evangelii gaudium von 2013 geschrieben. Die dreiwöchige Amazonien-Synode wird zeigen, dass er recht behalten wird.

Doch wie kommt der Papst aus Argentinien überhaupt auf den Amazonas? Es mutet eigenartig an, dass man sich ausgerechnet im Vatikan diesem wichtigen, aber bislang völlig vernachlässigten Flecken Erde widmet. Gewiss, ein Südamerikaner hat diese große, sich über 7,5 Millionen Quadratkilometer erstreckende Region eher im Blick als ein Europäer. Aber das genügt nicht als Erklärung.

Es war vor exakt 20 Jahren, als der Jesuit und damalige Mailänder Erzbischof Carlo Maria Martini auf einem Bischofstreffen im Vatikan eine Art Blaupause für das damals noch längst nicht absehbare Pontifikat Bergoglios entwarf. Der inzwischen verstorbene Kardinal, einer der Wortführer der Liberalen, sprach damals von seinem "Traum" einer Kirche in permanenter Synode. Einige der Themen, bei denen Martini damals schon Gesprächsbedarf erkannte, lauteten: Priestermangel, die Rolle der Frau, die Ehe und das katholische Verständnis von Sexualität.

Die Themen Ehe und Sexualität ließ Franziskus zum Graus der konservativen Fraktion auf den Familiensynoden 2014 und 2015 besprechen. In der Folge ließ der Papst wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen zu den Sakramenten zu. Eine Entscheidung, die die innere Spaltung der Kirche beschleunigte, aber auch die künftige Marschroute vorgab. Sie lautet: in Trippelschritten zur Reform.

Martini war nicht nur im Konklave von 2005 einer der Gegenkandidaten von Joseph Ratzinger, sondern auch der Kopf der sogenannten Gruppe von Sankt Gallen. In Sankt Gallen trafen sich von 1996 bis nach der Wahl Benedikts XVI. jährlich gleichgesinnte Bischöfe, unter ihnen auch Walter Kasper und Karl Lehmann, um sich über ihre progressiven Vorstellungen in geschützter Atmosphäre auszutauschen. Die Sexualmoral, der Priestermangel und die Rolle von Frauen in der Kirche spielten dort eine Rolle. In Sankt Gallen wurde auch über den Jesuiten Jorge Bergoglio als möglichen Kandidaten für das Papstamt gesprochen.