Ökonomen, die derzeit einen Schaufensterbummel durch Manhattans Nobel-Einkaufsviertel machen, dürften alarmiert zu ihren Konjunkturstatistiken zurückkehren. An der Fifth Avenue hat das Luxuskaufhaus Lord & Taylor nach 193 Jahren seine Drehtüren gestoppt und für immer geschlossen. Nebenan bei Tiffany’s sanken zuletzt die Umsätze. Um das Geschäft zu beleben, serviert der Edel-Juwelier nun tatsächlich Frühstück. Und auch beim Auktionshaus Sotheby’s um die Ecke sind die Umsätze von den schwindelerregend hohen Vorjahresrekorden weit entfernt. Mit anderen Worten: Bei Amerikas Reichen war früher mehr Bling.

Das sind auch schlechte Nachrichten für Normalverdiener. Schließlich sind in Amerika die obersten zehn Prozent der Spitzenverdiener für rund die Hälfte der Konsumentenausgaben verantwortlich, wie die Analysefirma Moody’s Analytics errechnet hat. Seit der Finanzkrise von 2008 hat sich der Anteil der Superreichen am Geldausgeben damit fast verdoppelt. Üben sie sich nun in Zurückhaltung, könnte dies endgültig zu einem Konjunkturabschwung führen. Nach den jüngsten Schwächeanzeichen in China und Deutschland wäre ein solcher Abschwung in den USA weltwirtschaftlich schwer zu verkraften.

Besonders hart trifft es die Immobilienbranche. Von Los Angeles an der Westküste bis Miami im Osten: Überall im Land stehen Villen und Penthouse-Wohnungen leer, ohne dass sich ein Käufer findet, der die Millionen auf die Marmorplatte der Kücheninsel legt. Viele der Häuser wurden gebaut, nachdem die Nachfrage aus China, Russland und Lateinamerika den Wirtschaftsboom angeheizt hatte. Doch die Ausländer kaufen seit Donald Trumps Handelsstreit mit China und anderen geopolitischen Verwerfungen wie dem Brexit weniger in den USA. Heute sind nach einer Zählung des Wall Street Journal allein in L. A. über 100 Anwesen mit Preisen über 20 Millionen Dollar auf dem Markt.

Vorbei ist auch das Geschäft mit der Landliebe der Betuchten, die sich im Aufkauf von Anwesen in den Rocky Mountains oder den Prärien des einstigen Wilden Westens niederschlug. Ein Lotteriegewinner, der unter reger Medienbegleitung seinen 180-Millionen-Dollar-Gewinn vor wenigen Jahren in eine Ranch in Kalifornien investiert hatte und an deren Verkauf die Öffentlichkeit nun wieder Anteil nehmen darf, hat für das 1.500-Quadratmeter-Heim samt Büffel-Farm den Preis inzwischen von 26 Millionen auf 6,9 Millionen Dollar reduziert. Noch drastischer war der Rabatt auf ein Grundstück in den Bergen über Los Angeles, das ursprünglich eine Milliarde Dollar kosten sollte. Das 635.000 Quadratmeter große Gelände hatten die Verkäufer im vergangenen Sommer noch als ideale Anlage für einen Großinvestor wie etwa einen Scheich angepriesen. Doch es fand sich kein Interessent. Schließlich kauften es die Erben des ursprünglichen Besitzers, des Gründers des umstrittenen Diätprodukteanbieters HerbaLife, bei einer Auktion zurück. Für 100.000 Dollar Kaufpreis plus Übernahme eines Kredits über 200 Millionen Dollar.

Kein Wunder, dass Makler zu verzweifelten Maßnahmen greifen: In New York gibt es beim Erwerb einer 85-Millionen-Dollar-Wohnung zwei Tickets für künftige Weltraumreisen mit Virgin Galactic gratis dazu. Vermittler eines Neubaus in L. A. trimmten das Objekt auf Andy Warhol, indem sie unter anderem Werke des Künstlers aufhängten und seinen 1974er Rolls-Royce Silver Shadow in die Garage stellten. Für Aufmerksamkeit in den sozialen Medien soll zudem ein Warhol-Imitator sorgen, der sich auf Disco-Partys für Interessenten unter die Gäste mischt.

Auch bei Auktionen, den Flohmärkten der Reichen, läuft das Geschäft inzwischen schleppend. 2017 wurde mit 450 Millionen Dollar für Salvator mundi, ein 600 Jahre altes Werk aus Leonardo da Vincis Werkstatt, eine Rekordsumme für ein Kunstwerk erreicht. (Branchenspekulationen zufolge ging er an ein Mitglied der saudischen Königsfamilie.) Solche Beträge scheinen vorerst in weite Ferne gerückt. Beim Auktionshaus Sotheby’s sind die Umsätze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 10 Prozent zurückgegangen und beim Rivalen Christie’s sogar um 22 Prozent. Auch bei der Versteigerung von Oldtimern, zu der sich jedes Jahr im August wohlhabende Autonarren im kalifornischen Pebble Beach treffen, erlösten die Anbieter nur rund 245 Millionen Dollar – gerade mal ein Drittel des Betrages, der im Vorjahr erzielt wurde.

Einer der Gründe für den Streik der Luxusverbraucher dürfte die unsichere ökonomische Lage sein. Ausschläge an den Aktienmärkten, wie sie in den vergangenen Wochen zugenommen haben, treffen die Wohlhabenden besonders stark, denn 85 Prozent aller Aktien in den USA gehören den reichsten zehn Prozent der Haushalte. Sie müssen sich zwar nicht unbedingt um ihre Existenz sorgen. Doch auch sie wollen vermeiden, heute Preise aus Boomzeiten zu bezahlen, etwa für Immobilien, die morgen im Abschwung billiger zu haben sind. "Niemand will der Dumme sein, der für etwas zu viel bezahlt, egal wie reich er ist", fasste es das Wirtschaftsmagazin Fortune in seinem Bericht zu der enttäuschenden Pebble-Beach-Auktion zusammen.

Für Menschen, die finanziell weniger Sicherheit haben, steht allerdings mehr auf dem Spiel als ein geknicktes Ego. Dienstleistungen für die Wohlhabenderen – für die der Wirtschaftsforscher David Autor den Begriff wealth work geprägt hat, also "Wohlstandsarbeit" – gehören zu den am schnellsten wachsenden Sektoren des US-Arbeitsmarktes. Inzwischen sind rund drei Millionen Beschäftigte in den USA als Privatbedienstete tätig – darunter nach einer aktuellen Studie der liberalen Denkfabrik Brookings Institution etwa 280.000 Fitnesstrainer, 103.000 Masseure und 190.000 professionelle Gassi-Geher. Die Zahl der Köche, die in privaten Haushalten die Mahlzeiten zubereiten, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht – auch wenn es dabei nur um 500 Beschäftigte geht. Dagegen ist die Zahl der Beschäftigten in der Stahlindustrie allein seit 2014 um neun Prozent auf 145.000 gesunken.

Viele der persönlichen Dienstleistungsjobs waren zuletzt in Zeiten gängig, als Vermögende mit und ohne Adelstitel auf Landsitzen und in Stadtvillen residierten. Heute sind sie Fans der britischen TV-Serie Downton Abbey vertraut. Doch anders als in der Vergangenheit oder im Fernsehen sind die meisten der heutigen Bediensteten nicht fest angestellt, sondern arbeiten selbstständig. Der wealth work-Bereich expandierte parallel zur Erholung nach der Finanzkrise und zu den Höhenflügen an der Börse. Es ist aber unklar, wie nachhaltig die neuen Arbeitsplätze im Bedienstetensektor tatsächlich sind. Sollte sich der Trend zum Verzicht unter den Vermögenden auch auf diesen Bereich ausweiten, dann könnte das direkte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben.

Noch liegt die Arbeitslosenquote in den USA bei 3,7 Prozent, was viele Volkswirte als Vollbeschäftigung verstehen. Auch die Haushaltsausgaben insgesamt sind noch stabil. Doch es gibt Anzeichen, dass sich auch bei den amerikanischen Normalverdienern die Stimmung eintrübt. Das Verbrauchervertrauen, das von der University of Michigan regelmäßig in einer Umfrage abgefragt wird, ist so stark gefallen wie in sechs Jahren nicht mehr. Ein Omen dafür, dass es damit auch bei den reicheren Amerikanern nicht mehr so weit her ist, könnte die jüngste Neueröffnung an der Fifth Avenue sein. Dort hat vor Kurzem der Discounter Five Below einen Laden aufgemacht. Die schnell expandierende Kette bietet vom Strandstuhl bis zum Schulbedarf alles unter fünf Dollar an.