Immer wenn rechte Parteien bei Wahlen gewinnen, egal ob in Frankreich, Italien oder wie am vergangenen Sonntag in Sachsen und Brandenburg, fragen sich die Kommentatoren und Analysten: Wer wählt denn so was? Die Antwort auf die Frage haben sie meist schon am Wahlabend parat: wütende, abgehängte Männer. Modernisierungsverlierer, die ihr Vertrauen in das politische System verloren haben und nun mit ihrer Stimme denen da oben eins auswischen wollen. Wählen als Protest.

Aber auch wenn die Zahlen aus den Nachwahlbefragungen jeweils rasch ein relativ scharfes Profil der Rechtspartei-Unterstützer zeichnen, "Männlich, Arbeiter, AfD-Wähler" – besonders aussagekräftig ist dieses statistische Phantombild nicht. Erst recht lassen sich daraus keine politischen Rezepte für den Umgang mit den erstarkten Rechtspopulisten ableiten. Das zeigen die Erfahrungen aus zwei Pionierländern der europäischen Rechten: Österreich und der Schweiz. Die FPÖ machte bei den letzten Nationalratswahlen 26 Prozent, die SVP sogar 29,4 Prozent.

Als in den vergangenen Wochen und Monaten die überregionalen Medien ihre Reporter nach Sachsen und Brandenburg schickten, um den Ostdeutschen mal den Puls zu fühlen, als der Spiegel eine rot-schwarz-goldene Fischermütze auf sein Cover druckte, "So isser, der Ossi", erinnerte das an die Berichterstattung über die SVP und die FPÖ in den 1990er Jahren. Hier wie dort waren – und sind – die Analysen über die Wählerschaft der Rechtsaußenparteien oft vereinfachend und nicht selten überheblich. Noch vor wenigen Jahren schrieb das österreichische Magazin Profil über die Teilnehmer einer FPÖ-Veranstaltung: "Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe."

Nicht das Profil verbindet die Rechten, sondern ihre Themen

Laurenz Ennser-Jedenastik von der Universität Wien befasst sich seit Jahren mit dem Wahlverhalten seiner Landsleute. Auch er charakterisiert den typischen FPÖ-Wähler als männlich, unter 65, niedriger gebildet. "Nur, was man davon hat? Es stimmt zwar, dass diese Charakteristika vorhersagen, dass diese Person wahrscheinlich FPÖ wählt", sagt der Politikwissenschaftler. "Aber wenn mit all diesen Stereotypen ein Mensch konstruiert wird, ist er nicht repräsentativ für die Wählerschaft einer Partei, sondern nur für eine Minigruppe."

Das heißt: Egal, wie oft Journalisten in die Hochburgen der nationalkonservativen Parteien fahren, um dort einen typischen Rechtswähler zu erspähen und auszuhorchen, sei es in den darbenden Industrieregionen der Steiermark oder in Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden, wo die SVP bei den vergangenen nationalen Wahlen beinahe 90 Prozent der Stimmen gewann. Mehr als eine Sozialreportage wird auch dort nicht zu finden sein.

Natürlich gelten die Freiheitlichen als neue Arbeiterpartei. Mehr als die Hälfte der österreichischen Arbeiter wählt die FPÖ. Aber nur ein Viertel aller FPÖ-Wähler sind Arbeiter.

Natürlich ist die SVP die politische Heimat der meisten Schweizer Bauern. Viele Landwirte wählen SVP, aber nur ein Bruchteil aller SVP-Wähler sind Bauern.

Die beiden rechten Parteien in der Schweiz und in Österreich haben längst in allen gesellschaftlichen Schichten Anhänger. Ihre Wähler arbeiten heute ebenso am Paradeplatz wie im KMU in Beringen. Sie wohnen ebenso im großbürgerlichen Wien-Döbling wie in Wels in Oberösterreich.

Nur, was eint dann rechte Wähler, und was unterscheidet sie von anderen? Ihre politischen Einstellungen.