Ich habe fast 50 Jahre im Himalaya verbracht, an der Seite buddhistischer Meister, deren höchstes Ziel es war, bessere Menschen zu werden. Selbstlose Liebe und Mitgefühl waren dort, vor allen anderen, die Kardinaltugenden des menschlichen Lebens, das Herzstück des geistlichen Wegs.

Während meiner Ausbildung im Westen dagegen rief man mir oft die Sentenz des Plautus in Erinnerung: "Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen." Es machte mir klar, wie tief greifend die Vorstellung, dass all unsere Handlungen, Worte und Gedanken vom Egoismus motiviert sind, die westliche Psychologie, die Evolutions- und Wirtschaftstheorien geprägt hat. Die Gültigkeit dieser zum Dogma erstarkten Idee wird erst in jüngster Zeit allmählich infrage gestellt. Selbstverständlich hat der Altruist zahllose täuschend ähnliche Abbilder. Was aber nicht heißt, dass es keine wahre Selbstlosigkeit gibt.

Das Zerrbild der menschlichen Natur, so möchte ich Eva Illouz entgegnen, wurde im Laufe der vergangenen 30 Jahre korrigiert. Immer mehr Wissenschaftler haben gezeigt, dass die Hypothese des universellen Egoismus empirisch unhaltbar ist. Daniel Batson war der erste Psychologe, der beweisen wollte, dass "es sehr wohl einen wahren Altruismus gibt, einen Altruismus, dem einzig und alleine daran gelegen ist, das Wohl des anderen zu verwirklichen".

Insbesondere die Untersuchungen der Verhaltensforscher Michael Tomasello und Felix Warneken entdeckten bei allen kleinen Kindern eine spontane Hilfs- und Kooperationsbereitschaft, die ihnen offenbar kein Erwachsener beigebracht hatte – und die ohne jede Art von Belohnung auskam. Da sie gleichaltrige Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen beobachtet hatten, lag die Vermutung nahe, dass das Verhalten der hilfsbereiten Kinder tatsächlich einer natürlichen Veranlagung entsprang.

Schließlich deutet auch der Nachweis ähnlicher Verhaltensweisen bei Menschenaffen darauf hin, dass Formen der selbstlosen Kooperation schon vor rund sechs Millionen Jahren zum Verhaltensrepertoire der gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse gehörten.

Diese Schlussfolgerung ist von erheblicher Tragweite, denn wenn es wahre Selbstlosigkeit nicht gäbe, warum sollte man dann zur Selbstlosigkeit erziehen? Warum sollte man sie durch mentales Training kultivieren oder sich um ihre Verbreitung bemühen? Neurowissenschaftliche Studien lassen keinen Zweifel daran, dass die Einübung von Mitgefühl und selbstloser Liebe durch Meditation, wie jede Form des Lernens, zu großen funktionalen und strukturellen Veränderungen des Gehirns führt; dieser heute als "Neuroplastizität" bekannte Prozess beglaubigt jahrtausendealte kontemplative Praktiken.

Im Erleben ist selbstlose Liebe mit einem intensiven Gefühl der Fülle verbunden; und die Neurowissenschaften haben sie als denjenigen Geisteszustand identifiziert, der die Hirnregionen, denen man positive Emotionen zuordnet, am stärksten aktiviert. Die selbstlose Liebe, so könnte man sagen, ist die positivste aller positiven Emotionen.

Außerdem entspricht die Selbstlosigkeit einer Realität, in der alles mit allem verflochten ist. Wir brauchen ein Konzept, das uns erlaubt, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, der für die Menschheit und die acht Millionen Arten, die unsere Erdenmitbürger sind, unermessliches Leid bedeuten könnte. Der Egoismus wird uns nicht weiterhelfen. Wie es mein Lieblingsmarxist, Groucho Marx, formulierte: "Warum soll ich mir Gedanken über die nachfolgenden Generationen machen? Was haben sie für mich getan?" Wenn wir mehr Rücksicht auf künftige Generationen nähmen, würden wir die Welt nicht unseren kurzsichtigen Interessen opfern und unseren Nachkommen nicht nur einen verschmutzten und geplünderten Planeten hinterlassen.

Auf der Annahme, dass Menschen nur eigennützige Interessen verfolgen, basieren – ich stimme Eva Illouz zu – die heutigen Wirtschaftssysteme. Doch dieses ökonomische Menschenbild ist so verkürzend wie irreführend. Der Nobelpreisträger Amartya Sen schrieb: "Es scheint mir ganz und gar unglaublich, dass man behaupten kann, außer einer Maximierung des Eigennutzes seien alle Haltungen irrational." Die alleinige Stimme der "Vernunft", die uns vorschreiben könnte, unseren Eigennutz zu maximieren, so wie es vom Homo oeconomicus erwartet wird, bleibt eine Antwort auf zwei Hauptprobleme unserer Zeit schuldig: die inmitten des Wohlstands existierende Armut und die Frage der "Gemeingüter".

Der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower plädiert dafür, die Stimme der Vernunft durch eine der "Fürsorge" zu ergänzen. Letztere ist seines Erachtens auf andere Weise vernünftig, impliziert eine andere Deutung der menschlichen Natur. Sie erlaubt es, Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, Mitgefühl für fremdes Leid und Selbstlosigkeit so natürlich in die Ökonomie einzubeziehen, wie wir es in unserem täglichen Leben längst tun. Die Stimme der "Fürsorge" kann unsere Bereitschaft, zum öffentlichen Reichtum beizutragen, radikal verändern.

Auch sie ist Teil der menschlichen Natur: Angesichts der Tatsache, dass sich ein Großteil der sieben Milliarden Menschen anderen gegenüber zumeist anständig verhält, möchte man von einer "Banalität des Guten" sprechen. Es ist eine Banalität im Stillen: Denn im Gegensatz zu einem Anschlag, einem skrupellosen Verbrechen oder dem Liebesleben eines Politikers sorgt das alltägliche Gute nicht für Schlagzeilen.

Die Selbstlosigkeit scheint, kurz gesagt, ein entscheidender Faktor für die Qualität unseres – heutigen wie zukünftigen – Lebens zu sein. Damit sich die Dinge aber wirklich ändern, müssen wir den Mut zur Selbstlosigkeit aufbringen. Wir müssen den Mut haben zu sagen, dass es wahre Selbstlosigkeit gibt, dass jeder sie kultivieren und die kulturelle Evolution ihrer Verbreitung förderlich sein kann. Und schließlich müssen wir den Mut haben klarzustellen, dass Selbstlosigkeit kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist.

Aus dem Französischen von Bettina Engels