ZEIT: Für die Zinsen sind aber offiziell die Notenbanken zuständig. Die Europäische Zentralbank (EZB) wollte an diesem Donnerstag den Leitzins erneut senken. Sie könnte ihn doch theoretisch einfach erhöhen.

Von Weizsäcker: Ich erkläre das gern mit einem Bild: Die Notenbank schneidert ein Kleid für einen Körper. Wenn der Körper schmal ist, muss sie ein enges Kleid schneidern. Wenn er dick ist, muss sie ein weites Kleid schneidern. Der Körper ist die Volkswirtschaft, das Kleid ist das von der Zentralbank gesteuerte Geldsystem. Die Notenbank muss die Geldversorgung an den Marktzins anpassen, sonst kommt es zu Verwerfungen.

ZEIT: Was würde dann passieren?

Von Weizsäcker: Würde sie den Zins anheben, würde noch weniger investiert, die Wirtschaft bräche ein, die Arbeitslosigkeit stiege. Die niedrigen Zinsen sind das Ergebnis von wirtschaftlichen Prozessen. Sie werden nicht wirklich von der Notenbank gemacht. Sie ist gewissermaßen nur ein ausführendes Organ.

ZEIT: Also ist der vermeintlich so mächtige Zentralbanchef Mario Draghi in Wahrheit ein Getriebener?

Von Weizsäcker: Sie sind alle Getriebene: Mario Draghi, Jerome Powell von der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Haruhiko Kuroda von der Bank von Japan. Sie müssen ihre Politik an die ökonomischen Realitäten anpassen.

ZEIT: Wer kann diese Realitäten beeinflussen?

Von Weizsäcker: Der Staat.

ZEIT: Indem er zum Beispiel staatlich garantierte Mindestzinsen für Sparer einführt, wie es einige Unionspolitiker vorgeschlagen haben?

Von Weizäcker: Nein. Warum sollte die Allgemeinheit die Sparer subventionieren, wo schon so viel gespart wird?

ZEIT: Wie dann?

Von Weizsäcker: Die öffentliche Hand müsste neue Kredite aufnehmen. Dadurch würde sich die Nachfrage nach Kapital erhöhen. Das wachsende Kapitalangebot würde absorbiert und die Zinsen würden wieder steigen. Davon würden die Sparer profitieren.

ZEIT: Das klingt nach einer staatlichen Nachfragepolitik, wie sie der britische Ökonom John Maynard Keynes empfohlen hat.

Von Weizsäcker: Nicht ganz. Keynes ging es vor allem um die Stabilisierung der Konjunktur. Für ihn sollte der Staat in schlechten Zeiten Kredite aufnehmen, um die Wirtschaft zu stützen. In den guten Zeiten sollten die Darlehen wieder zurückgezahlt werden. Heute dagegen wird strukturell zu viel gespart und zu wenig investiert. Deshalb muss der Staat dauerhaft mehr Schulden machen.

ZEIT: Das widerspricht allen politischen Grundsätzen der vergangenen Jahre. Die Botschaft war: Der Staat ertrinkt in Schulden, der Haushalt läuft aus dem Ruder. Sie sagen: Spielt keine Rolle?

Von Weizsäcker: Das sage ich nicht. Man darf es auch nicht übertreiben, weil die Zinsen sonst zu sehr steigen. Das wäre dann schlecht für die Wirtschaft, weil sich dann die Kredite für die privaten Unternehmen zu sehr verteuern und diese dann weniger investieren. Sie kennen die Geschichte von Odysseus? Er musste sein Schiff zwischen zwei Meeresungeheuern – Skylla und Charybdis – hindurchsteuern. Da befinden wir uns.