ZEIT: Nicht Mario Draghi, sondern Olaf Scholz macht den Zins?

Von Weizsäcker: Zusammen mit seinen Kollegen in den anderen Staaten. So könnte man das zugespitzt sagen. Besser formuliert man es so: Die Staatsschulden sind die Steuergröße. Der Staat regelt die Kreditaufnahme so, dass die Zinsen nicht zu sehr abrutschen, andererseits nicht zu stark steigen – und das bei Vollbeschäftigung.

ZEIT: Sie trauen der Politik ziemlich viel zu.

Von Weizsäcker: Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik sind immer schon Lernprozesse gewesen. Wir müssen davon wegkommen, Staatsschulden nur als Last zu betrachten. Eine staatliche Rentenzusage erhöht die implizite staatliche Verschuldung, der Staat muss das Geld ja irgendwann auszahlen. Für die Bürger ist das Anrecht auf eine künftige Rentenzahlung aber Vermögen, über das sie im Alter verfügen können. Das private Vermögen in Europa besteht heute etwa zur Hälfte aus solchen Ansprüchen an den Staat. Das bedeutet umgekehrt: Wenn der Staat keine Schulden mehr hätte, wären die Menschen nur halb so reich.

ZEIT: In Deutschland gibt es eine Schuldenbremse im Grundgesetz.

Von Weizsäcker: Ich halte die Schuldenbremse für veraltet. Ich bin gegen eine exzessive Staatsverschuldung. In ihrer jetzigen Form aber schränkt das Regelwerk den finanzpolitischen Handlungsspielraum zu sehr ein.

ZEIT: Nehmen wir an, die Schuldenbremse würde abgeschafft. Wofür sollte denn der deutsche Staat Ihrer Meinung nach Geld ausgeben?

Von Weizsäcker: Ich glaube wir brauchen in Deutschland eine Mischung aus höheren Ausgaben für die Infrastruktur – also zum Beispiel für die Modernisierung von Brücken, Straßen und Schulen – und eine steuerliche Entlastung der Bürger. Man könnte zum Beispiel die Mehrwertsteuer senken. Davon würden besonders Menschen mit niedrigem Verdienst profitieren, die einen großen Teil ihres Einkommens für den Konsum verwenden.

ZEIT: Für die meisten Menschen klingt das alles gewöhnungsbedürftig. Wie würden Sie Ihre Stellung unter den Ökonomenkollegen beschreiben?

Von Weizsäcker: Ich habe meine Thesen erstmals vor zehn Jahren entwickelt. Inzwischen sehen das viele Ökonomen ähnlich. Der frühere amerikanische Finanzminister Larry Summers diagnostiziert ebenfalls einen Ersparnisüberschuss. Er warnt vor einer Stagnation. Ich verwende den Begriff nicht gern. Er ist negativ konnotiert. Wenn der Staat seine Rolle annimmt, muss es keine Stagnation geben.

ZEIT: Interessanterweise sind die Staatsschulden aber gerade in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – und zwar weltweit. Wenn Ihr Denkansatz richtig wäre, müssten die Zinsen gestiegen sein. Sie sind aber gesunken.

Von Weizäcker: Der Vergleich hinkt. Ich gebe Ihnen recht: Wenn man die Schuldenquoten heute mit den Quoten der Sechziger- oder Siebzigerjahre vergleicht, denkt man sich, dass die Schulden zu hoch sind, dass sie sinken müssen. Aber das ist der falsche Maßstab. Mein Punkt ist ja gerade, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Lage haben. Es gibt ein Überangebot an Kapital. Darauf muss der Staat reagieren.