Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

"Ist Ihre Kirche überhaupt noch die Kirche Jesu Christi oder steht das nur auf dem Etikett?"

Hallo, alles Etikettenschwindel! Der Verdacht drängt sich Menschen auf, seit es die Kirche gibt. Die Geschichte des Christentums ist voll mit Pergamenten, Briefen und Mails, in denen die Echtheit des Unternehmens Kirche befragt wird. Die tun nur so heilig, ist der Vorwurf derer, die sich von Vertretern und Vertreterinnen der Kirche etwas Besseres erhofft haben. Mehr Barmherzigkeit, mehr Zuwendung, mehr von dem, was auf Kanzeln gepredigt und in Bibelkreisen ausgetauscht wird. Die folgen nicht dem Heiligen Geist, die hängen am Zeitgeist, ist die gegenwärtige Fassung dieses Betrugsvorwurfs.

Früher wurden Ketzerhüte verteilt, Menschen verbannt und vertrieben, Kirchen und Gemeinden gespalten, weil die Frage, wie die Kirche sich auf Jesus Christus berufen soll, todernst wurde. Heute ist es eher die Form der Empörung, weil die Kirche oder was davon bemerkbar war, öffentlich oder privat, zu einem Ärgernis wurde. Ihr seid gar nicht die Kirche Jesu Christi, das ist ein Basta oder ein Pah und manchmal auch eine Drohung. Ihr seid nicht mehr Kirche Jesu Christi, weil ihr ein Flüchtlingsschiff gekauft oder weil ihr immer noch keines gekauft habt, ihr seid nicht mehr Kirche Jesu Christi, weil ihr gleichgeschlechtliche Paare traut/weil ihr sie jetzt erst traut. Ihr seid nicht mehr Kirche Jesu Christi, weil der Pastor den Namen der verstorbenen Mutter in der Trauerfeier falsch ausgesprochen hat, weil die Musik zu laut oder zu leise war, weil das Altarbild zu neu oder zu alt ist, weil diese oder jene Veranstaltung nicht den erwünschten Ton/Redebeitrag hatte. Gibt es große und kleine Gründe, zu bezweifeln, dass diese Kirche tief in ihrem Glauben an Jesus Christus verwurzelt ist?

Ja. Sie ist eine Organisation wie jede andere auch, mit Verwaltungsfehlern und Pastorinnen, die mal nicht bei der Sache waren, mit Bischöfen, die sich zu weit oder nicht weit genug aus dem Fenster lehnen, mit Christen, die von Liebe reden und kleinlich sind, die Demut predigen und Machtansprüche durchsetzen. Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte des auf Dauer gestellten Verrats an Jesus Christus. So ist das. Niemand muss das schönreden. Denn das ist die tiefste Pointe der Kirche Jesu Christi. Sie ist es nicht, weil sie glaubwürdig ist, sondern weil Jesus Christus sie dazu gemacht hat. Sie wurzelt nicht in ihrer eigenen Selbstrechtfertigung, auch wenn sie das manchmal glaubt.

In der Nachfolge Jesu sind seit Anbeginn lauter fußlahme, herzenskalte, dickschädelige, überempfindliche, verstrittene, egoistische, müde, dumme und dreiste Christenmenschen versammelt. Es gibt Organisationsversagen und Machtmissbrauch der übelsten Art, es gibt Boshaftigkeit und moralische Überheblichkeit, geistliche Erschöpfung und fromme Überheblichkeit. Die Kirche Jesu Christi kann für ihre Glaubwürdigkeit im Tiefsten nicht selbst garantieren. Das macht sie angreifbar, besonders durch die, die den Eindruck haben, sie wüssten genau, wie die wahre Kirche in Erscheinung treten müsste.

Oft wird dieses Besserwissen mit einer Verklärung der Vergangenheit verknüpft. Damals, als die Kinder noch fromm, die Frauen gehorsam (und selbstverständlich nicht ordiniert) waren, als Männer die Obrigkeit achteten und ihr Leben ganz und gar auf die Nachfolge Christi ausrichteten. Nur wann, bitte, soll das gewesen sein? Eine Kirche, die mit den Jüngerinnen und Jüngern beginnt, dieser Truppe von Hitzköpfen, Feiglingen und Großmäulern? Oder die Generation der Großeltern oder Urgroßeltern, die sehenden Auges einem anderen als Christus folgten? Das Etikett, "Kirche Jesu Christi" zu sein, hat sie sich nicht selbst aufgeklebt. Das ist ihre Existenzberechtigung und ihre Hoffnung.

Welche Frage treibt Sie um? Schreiben Sie mir: redaktion@christundwelt.de.