Siebenundfünfzig Mal fällt sein Name, bevor Harry Lime auf der Leinwand auftaucht. Unvermittelt fällt Licht auf den Hauseingang, in dem sich Orson Welles in der Figur des skrupellosen Penicillinschiebers Lime verbirgt, mit einem stummen Blick, undurchdringlich, beinah diabolisch.

Die Aufnahme, gedreht in der Schreyvogelgasse 8 im ersten Wiener Bezirk, gehört zu den ikonischen Szenen des Kinoklassikers Der Dritte Mann, der vor 70 Jahren Premiere feierte. Sie wurde Filmgeschichte, so wie die Verfolgungsjagd im Wiener Kanalsystem oder die Riesenradfahrt im zerstörten Prater. Als der im von Ruinen, Korruption und Hoffnungslosigkeit geprägten Nachkriegswien angesiedelte Schwarz-Weiß-Thriller von Carol Reed im September 1949 im Londoner Palace Theatre uraufgeführt wurde, jubelten die Kritiker. "Man kann sich darüber streiten, was ein filmisches Meisterwerk ist, man ist sich jedoch darüber einig, dass der neue englische Film The Third Man (Der dritte Mann) in diese Kategorie gehört", hieß es auch in der ZEIT.

Bis heute hat der vom British Film Institute zum besten Film des 20. Jahrhunderts gewählte Streifen nichts an seiner Strahlkraft eingebüßt. Zum Jubiläum setzen sich neue Publikationen mit dem Werk auseinander: Der Filmkritiker Bert Rebhandl seziert in Der Dritte Mann. Die Neuentdeckung eines Filmklassikers (Czernin Verlag) Produktionsgeschichte, Brüche mit Graham Greenes Romanvorlage oder cineastische und literarische Parallelen. Das Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies der Uni Graz diskutiert in seiner Zeitschrift JIPSS, ob es sich um eine Spionagegeschichte handelt – in der Handlung wie hinter den Kulissen, wo zahlreiche Akteure gleichsam filmreife Geheimdienstverbindungen pflegten.

Nicht nur der Agentenkosmos des Dritten Manns hat das Image seines Handlungsortes geprägt. Der Film setzte Wien ein Denkmal, während er den filmischen Mythos der guten alten Zeit zerstörte – was dem heimischen Publikum nicht immer gefiel.

Hier werde "ein Götzenbild zerschlagen", hieß es 1950 in einer Filmkritik in der Furche: "Es gibt Ruinen, die erst gesprengt werden müssen, ehe ein neues Haus daraus wachsen kann. Eine solche Ruine war der feuchtfröhliche Film der letzten dreißig Jahre. Graham Greenes Der Dritte Mann ist der Sprengstoff, der sie in die Luft jagt. Für immer."

Dabei geht es auf der Leinwand vordergründig nur um einen Kriminalfall. Als der Schundautor Holly Martins, gespielt von Joseph Cotten, in die besetzte Trümmerstadt kommt, ist sein Freund Harry Lime angeblich bereits tot. Martins muss erkennen, dass Lime den Unfall nur vorgetäuscht hatte, um den Ermittlern zu entkommen, die seinem Handel mit dem gepanschten Antibiotikum auf der Spur sind. Das nihilistische Nachkriegssittenbild taumelt zwischen Gier, Argwohn, Verrat, um am Ende dort zu landen, wo es begonnen hat: bei Limes tatsächlichem Begräbnis auf dem Zentralfriedhof.

An die Stelle des bis dahin produzierten Wienklischees, angesiedelt zwischen fidelem Heurigenleben und kaiserlicher Grandezza, trat ein existenzialistisches Licht- und Schattenspiel der Kamera, die sich auf bauliche wie menschliche Ruinen richtete. Zudem brach die Filmmusik, Othmar Karas’ Zitherspiel, nicht nur mit der Kälte der Filmszenerie, sondern auch mit dem operettensüßen Klang heimischer Produktionen. "Der Soundtrack ist ein Ohrwurm, der die Musikstadt Wien von manchem Klischee erlöste – und ein neues schuf", schreibt Bert Rebhandl. Die Heiterkeit des Zitherklangs mag doppelbödig sein, aber in ihrer Volksnähe war sie wie geschaffen für ein neues Wiener Selbstverständnis, mit dem sich zugleich die Saga von der Hauptstadt der Musik aufrechterhalten ließ.

Doch noch während Der Dritte Mann im Ausland Preise einheimste, echauffierten sich am Drehort Kritiker über "die Berichterstattung aus der Perspektive des Dritten Mannes, jenes Edelschundfilms mit Zitherbegleitung", deretwegen die Arbeiter-Zeitung um Österreichs Ruf bangte.

Das Unbehagen gegenüber dem internationalen Kassenschlager lässt sich vielleicht mit der ausländischen Produktion erklären. "Die Befreiung hab ich mir ganz anders vorgestellt", keift einmal die Hauswirtin, "dös hat man davon, dass man freundlich ist zu de Ausländer", lässt der Hausmeister die Ablehnung gegenüber den Fremden und Besatzern in der jungen Zweiten Republik spüren. "Ich glaube, die Österreicher werden nie gute Staatsbürger", befindet gar der Rumäne Popescu. Bei der Tageszeitung Der Abend fragte man erbost: "Ist Wien eine Räuberhöhle? Der Film Der Dritte Mann – eine schmutzige Verleumdung Wiens und der Wiener".

Alle Sorge um das Image war freilich unbegründet: Längst ist der Kultfilm eine Säule des Wiener Stadtmarketings, weltweit beworben, mit ungebrochenem Erfolg. Bert Rebhandl nennt ihn gar "einen bekömmlichen Klassiker", dessen Erfolg eingehegt sei durch die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik und der Stadt Wien. Im Wiener Burg Kino läuft der Film wöchentlich, 18.000 Besucher begeben sich jährlich auf die Dritte-Mann-Tour hinab in die Kanalisation. "Wiens Unterwelt", heißt es bei Bert Rebhandl, "ist ein Pipifax gegen die Abgründe, in die Harry Lime mit seinem Babyface vom Riesenrad der Geschichte herunter finster leuchtet."