Küsschen, Küsschen ohne Kitsch: "The Age of Innocence", 2007 © Elizabeth Peyton "The Age of Innocence", 2007 (Foto: Johansen Krause)/​Courtesy The Brant Foundation, Greenwich, CT. USA Elizabeth Peyton. Courtesy the artist and Gladstone Gallery, New York and Brussels

Es ist nie ganz klar, wie oder warum etwas Schönes gelingt, am wenigsten weiß es der Künstler selbst, schrieb Marcel Proust. Im letzten Band der Suche nach der verlorenen Zeit besucht der Erzähler Marcel ein Fest der Familie Guermantes. Wie alt die Freunde und Bekannten geworden sind, überkommt es ihn plötzlich. Wie sich die Zeit in die Gesichter gräbt, und sie sehen es nicht!

Auf ähnliche Weise beschreibt Elizabeth Peyton ihr Werk und zitiert Proust, wenn sie von der Schönheit spricht, die sich in kurzen, immer bereits verfliegenden Momenten zeigt. Peyton malt Gesichter berühmter Menschen, seltener malt sie Freunde und Bekannte. Sie malt Napoleon, Curt Cobain, Lady Di, malt Leonardo DiCaprio, Oscar Wilde oder Georgia O’Keefe. Sie malt Gesichter aus Filmszenen, malt Opern- und Konzertgesichter, nachdenklich, versonnen, verdrossen. Manchmal malt sie Paare, die sich küssen – für Peyton ein besonders schwieriges Motiv. Wie die Zuneigung zweier Menschen einfangen, ohne in Kitsch zu verfallen?

Peyton malt Menschen, denen sie sich nah fühlt, die sie vielleicht sogar liebt, obwohl sie sie gar nicht unbedingt persönlich kennt. Es ist eine Liebe zum Zerbrechlichen und Schillernden, dann wieder strahlen manche ihrer Gesichter verheißungsvoll wie griechische Ikonen oder auch wie die zurechtgestutzten Bilder junger Stars auf Bravo-Postern: rotlippig, bonbonfarben, jugendlich schön.

Im Oktober bekommt Peyton in der National Portrait Gallery in London eine große Retrospektive; zur selben Zeit eröffnet dort Pre-Raphaelite Sisters, eine Schau, die sich den Künstlerinnen im Umfeld der Präraffaelitischen Bruderschaft widmet. Deren Frauen wie überhaupt Frauen in der Kunst seien nicht nur passiv daliegende Musen mit Löwenhaarmähnen gewesen, erklärt der Kurator, Jan Marsh. Beide Schauen werden nebeneinandergestellt, denn dringend müsse man, ergänzt der Museumsdirektor Nicholas Cullinan, die aktive künstlerische Rolle von Frauen anerkennen.

Sicher, das sind gut gemeinte und doch paternalistische Ausführungen, sie können einen ärgern, und zugleich lassen sie uns gähnen. Muss Elizabeth Peyton nach 35-jähriger Karriere und Sotheby’s-Rekordpreisen noch an die Hand genommen, ihr Werk der Kunstwelt als "aktiv" und "weiblich" zugeführt werden? Haben ihre Gemälde nicht eine andere, eigene Dringlichkeit?

Peytons Werk ist nicht neo-feminin, auch kein Auswuchs der #MeToo-Bewegung. Ihre Porträts sind mit Öl auf Holz gemalt, als Monotypie, Radierung oder Aquarell gefertigt und haben in etwa die Größe von Hochglanzmagazinseiten. Mit anderen Worten: Sie sind klein, und manchmal, so die Anekdote, weinen Menschen bei ihrem Anblick. Vor allem Peytons zarte, vergänglich anmutende Striche, wie dahingepustete Federn, lassen die Idole ihrer Bilder zerbrechlich erscheinen und anrührend.

Zudem ist unsere Zeit ungemein empfänglich für das Spiel mit dem Gesicht. Es ist unsere Schnittstelle zur Welt und zum Erfolg. Und nichts umgibt uns so sehr wie Gesichter. Die fragilen Posen des Selbstvertrauens oder der Angst, der Anmaßung oder Unterwerfung, die Peyton schon vor Jahrzehnten in ihren Modellen erkannte, flimmern uns heute abermillionenfach als Selfie entgegen, in sozialen Medien, auf Touchscreens, auf Profilseiten. Wir selbst sind diese Pose geworden. Der Kult um das Gesicht ist lange nicht mehr nur Stars und Starlets vorbehalten, unser aller Gesicht ist öffentlich, versehen mit dem Schimmer des Privaten.

Elizabeth Peyton, 1965 mit nur zwei Fingern an der rechten Hand geboren, bekam bereits als 22-Jährige ihre erste Soloshow in der Althea Viafora Gallery in New York. 1993 – Peyton hatte sich inzwischen die braunen Haare platinblond gefärbt – folgte die bahnbrechende Ausstellung im Chelsea Hotel. Besucher konnten an der Rezeption den Schlüssel zum Schauzimmer erfragen, darin hingen Peytons Bilder historischer Persönlichkeiten, darunter Kohlezeichnungen Napoleons, noch jung und wild mit langen Haaren, und bohemehaft zarte Darstellungen Ludwigs II. von Bayern. Von beiden Männern scheint die Malerin geradezu besessen zu sein, sie hat sich den Napoleonischen Adler und die Krone Ludwigs II. auf die Arme tätowieren lassen.

Die Malerin Elizabeth Peyton, geboren 1965 © Roe Ethridge

Sie male Menschen, die Dinge schaffen, denn je mehr sie erschüfen, desto verletzlicher würden sie, hat Peyton einmal in einem Interview gesagt. Und es ist vielleicht dieser Satz, der die Rezeption ihres Werk in fast schon zwanghafte Andy-Warhol-Vergleiche getrieben hat. Der Tenor: Peyton re-individualisiere das "Ich", indem sie das Gesicht der Warenkultur entreiße, es allein schon kraft ihrer Technik – Malerei und Monotypie, nicht Siebdruck wie bei Warhol – in seiner Einmaligkeit darstelle und nicht als beliebig zu konsumierendes Subjekt-Objekt. Wie die Pop-Art-Künstler verwendet zwar auch Peyton oft Vorlagen wie Fotos oder Magazinseiten, doch ihre Menschen erscheinen nicht alt und unnahbar, sie versinken in ihrer Innerlichkeit, es sind empfindliche, manchmal motzig dreinschauende Gesichter. Für das amerikanische Vogue-Cover im Juli 2017 malte sie Angela Merkel, mit warmem Blick und rätselhaft lächelnd.

Allerdings ist es bei Peyton keineswegs das fragile "Persönliche", das hinter irgendeiner "Oberfläche" aufscheint. Vielmehr erweisen sich Charisma und Extravaganz als ebenso zerbrechlich, und sie sind von der Person, die sie verkörpert, nicht zu trennen. Es ist ein Spiel aus Käuflichkeit, Eitelkeit und Verzweiflung, das sich bereits in der Literatur des 19. Jahrhunderts, bei Flaubert, Balzac, Proust oder Wilde entfaltet, deren Geschichten Peyton als Kind und Jugendliche immer wieder las. Damals wie heute geht es um die Menschen der Moderne, dandyhaft und einsam, süchtig und kaputt. Und bei dieser Malerin wunderschön anzusehen.

"Elizabeth Peyton: Aire and Angels" läuft in der National Portrait Gallery in London vom 3. Oktober 2019 bis zum 5. Januar 2020