Zuerst kam Konstanz, dann Heidelberg, gefolgt von Kiel und etlichen weiteren Städten in ganz Deutschland. Überall dort wurde der Klimanotstand ausgerufen; überall dort hat die Sorge der Bürger um die Zukunft des Planeten dazu geführt, dass künftig jede kommunalpolitische Entscheidung einem Klima-Check standhalten muss. Ein Anfang, immerhin, doch die Klimaschäden, die der brennende Regenwald im Amazonas nach sich ziehen wird, stellen alles in den Schatten. Die Menschen haben Angst. Existenzielle Angst. Und die katholische Kirche verpasst, dass jetzt auch sie gefragt wäre. Vielleicht mehr denn je.

Dabei hatte der Papst so gut vorgelegt, als er vor vier Jahren seine damals visionäre Umwelt-Enzyklika Laudato si veröffentlichte. Doch in der breit geführten Diskussion, die mit "Fridays for Future" vor allem junge Menschen angestoßen haben, ist die Kirche nicht zu hören. Und das bei einem weltweit relevanten Thema, bei dem die Kirche mit den eigenen Inhalten punkten könnte. Ganz zu schweigen von dem pastoralen Auftrag, den Kirche hat, wenn Menschen Angst haben – ob vor Migration oder Klimawandel.

Hier wie da standen die Zeichen einmal vielversprechend. Man denke nur daran, dass Franziskus ausgerechnet Lampedusa zu seinem ersten Reiseziel machte, um die Welt zu mehr Solidarität mit den dort strandenden Flüchtlingen anzuhalten. Ein Papst der großen Gesten, hieß es sehr bald, für die er weit über die Kirche hinaus Beachtung fand. Das "Laudato si" war jedoch wohl weniger Geste als vielmehr lehramtliche Verpflichtung. Doch vier Jahre später, da inzwischen alle Welt ums Klima bangt, fehlt es an Nachdruck. Wo bleibt da der gestenstarke Papst, der bei der Migrationsfrage am Ball geblieben ist und noch lange nach Lampedusa Flüchtlingen die Füße wusch?

"Gesten sagen mehr als Bilder und Worte", sagte Franziskus vor drei Jahren. Recht hat er, aber warum reist Franziskus nicht etwa zur katholischen Diaspora nach Grönland, auf dessen immer schneller schmelzendes Eis noch nie ein Papst die Füße gesetzt hat? So, wie er der eingeforderten Solidarität mit Flüchtlingen mit symbolträchtigen Reisen Nachdruck verliehen hat, müsste er auch um der Schöpfung willen an die Brennpunkte der Erde reisen. Warum zieht es den Papst in dieser historischen Stunde, da der Amazonas-Regenwald in Flammen aufgegangen ist, nicht umgehend nach Brasilien, um dem katholischen Landeschef Bolsonaro die Leviten zu lesen? Freilich, "das Amazonas-Gebiet, dessen Unversehrtheit gefährdet ist", stehe bald ja ohnehin im Fokus der römischen Synodalen, sagte der Papst zuletzt wenig konkret zum Weltgebetstag für die Schöpfung. Doch dann erwarten gerade jene Katholiken, die auch voll hinter Laudato si stehen, keine Impulse für eine kirchliche Klimarettung – vielmehr für eine rettende Kirchenreform.

Das gilt mehrheitlich auch für die Katholiken in Deutschland, und auch hier haben die Kirchenführer ihren Einsatz in der Klimadebatte verpasst. Das enttäuscht inzwischen auch die hiesige Politik. So hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die katholische Kirche, der er selbst angehört, unlängst an ihren "zutiefst christlichen" Auftrag zum Umweltschutz erinnert. Im Gespräch mit Christ&Welt erklärt Günther: "Ich habe die katholische Kirche in den letzten Monaten nicht als den Treiber wahrgenommen, der sie sein könnte." Ähnlich sieht das die ehemalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD): Die Kirche müsse ihre Stimme "deutlich lauter erheben", sagt sie auf Anfrage. "Konkret sollte die katholische Kirche den Bürgerinnen und Bürgern – ob sie nun an Gott glauben oder nicht – deutlich machen, dass sie eine Verantwortung haben und dass sie ein gutes Leben leben können auch mit einer anderen Art von Konsum."

Eben so, wie es Papst Franziskus in Laudato si vorgemacht hatte, wohlgemerkt drei Jahre bevor mit Greta ein einzelnes Mädchen ohne Milliardengefolgschaft die Massen für den Klimaschutz mobilisieren konnte. Demgegenüber scheint der grüne Lehrauftrag des Papstes mehr Theorie geblieben zu sein. Der Sozialethiker Markus Vogt von der Universität München sieht sich zumindest in seinem Ansatz bestätigt, dass die katholische Soziallehre mit ihren drei Prinzipien der Personalität, Subsidiarität und Solidarität seit Laudato si um das "Prinzip Nachhaltigkeit" reicher ist. "Aber die Enzyklika hat außerhalb der Kirche viel mehr Aufmerksamkeit erfahren als innerkirchlich", beklagt Vogt. Das Problem in Deutschland sei ein hausgemachtes: "Die Bischöfe sind mit sich selbst beschäftigt oder nicht kompetent."

Die Kirche verschenkt damit ein großes Potenzial. "Zurzeit ist Umweltschutz ein großes Thema", sagt ein 24-jähriger Kirchenaustrittswilliger, der 2019 mit einem Team von Theologen im Erzbistum Köln gesprochen hat, die Gründe für die dortigen Austritte herausfinden wollen. "Dieses Thema könnte Kirche gut aufgreifen. Nicht nur in der Kirche sitzen und beten, sondern sich auch öffnen und sich orientieren an dem, was Menschen beschäftigt."

Wohl gehören Umweltbeauftragte inzwischen zum Personaltableau der hiesigen Bistümer; kirchliche Häuser stellen auf Ökostrom um oder sanieren ihre Einrichtungen, um nachhaltiger zu wirtschaften. Deutsche Hilfswerke unterstützen Auslandsprojekte in Dritte-Welt-Ländern, die auch gut für die Umwelt sind. Und wer unter den Bischöfen besonders findig ist, schafft sich einen E-Roller an und lässt sich damit für interessierte Medien fotografieren, so zum Beispiel der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick.

Und weiter? Lediglich zweimal im Jahr tagt eine Arbeitsgruppe unter dem Dach der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). "Das ist eindeutig zu wenig", sagt Markus Vogt. Für ihn müssten institutionelle Konsequenzen her, vergleichbar mit den Hilfswerken, die nach der damals bahnbrechenden Sozialenzyklika Populorum progressio Pauls VI. in den 1960er-Jahren aus dem Boden sprossen. Stattdessen ist nicht einmal der Vorsitzende der besagten DBK-Arbeitsgruppe für "ökologische Fragen", der Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann, als lautstarke Stimme der Kirche in der öffentlichen Klimadebatte zu hören; der ökumenische Tag der Schöpfung vergangene Woche wirkte genauso wenig in die Gesellschaft hinein wie die wenig inspirierten "Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung" der DBK von November 2018. Ein kirchlicher Vertreter, wenn Anne Will und Co. zu Braunkohle, Gletscherschmelze oder Hambacher Forst debattieren – Fehlanzeige.