Bundeshaus, Galerie des Alpes. Mit etwas Glück geht hier der Blick aus den Fenstern bis in die Berner Berge. Doch heute versperrt eine Runde praller Männer in dunklen Anzügen die Sicht. Die Herrschaften vertilgen Fleisch und Fritten und rufen mit glänzenden Mündern: "Salut, Adèle!"

Adèle Thorens strahlt, ruft zurück und erklärt halblaut: "Meine Bauernkollegen." Die grüne Nationalrätin aus Lausanne sucht bewusst die Nähe zu den Landwirten. "Die Grünen müssen raus aus den Städten, raus aufs Land", sagt Thorens. Gekleidet in Jeans und Pullover, wäre sie selbst parat dafür.

Wie ihre Kollegen in der Deutschschweiz reiten die Westschweizer Grünen gerade auf einer vague verte. Das neueste Wahlbarometer von SRF sieht sie in der Romandie bei einem Wähleranteil von rekordhohen 13 Prozent; in der Deutschschweiz sind es knapp über 10 Prozent. Aber während sie hier die meisten Unterstützer in den urbanen Hipster-Quartieren finden, liegt ennet der Saane ihre Basis auch im Grünen – auf dem Land.

Also dort, wo Leute wie Jean-Denis Perrochet leben. Die Perrochets bewirtschaften seit 200 Jahren ihr Weingut am Neuenburgersee. Politisch steht der Winzer rechts. Aber: "Ökologie politisch einzuordnen ist lächerlich." Der Winzer sagt von sich selbst, er überlege sich die Dinge lieber zweimal, ehe er etwas ändere. Auch sei er ein langsamer Denker. Aber inzwischen ist Perrochet voller Ungeduld: "Die Natur zeigt uns klar, dass wir nicht so weitermachen können." Die Böden seien nicht mehr gesund, die Artenvielfalt gehe verloren.

Früher sei er begeistert gewesen von Technik, auch von diesen neuen, hochpräzisen Pflanzenschutzmitteln. Aber inzwischen habe er viele seiner Kollegen an den Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren. Und wenn man erst mal anfange, sich kritisch mit synthetischen Pestiziden zu beschäftigen, mit dem Geschäft und dem Einfluss der Chemiekonzerne, dann hagle es fast täglich schlechte Nachrichten.

Der Sitz des Weinguts Perrochet ist ein massiver Turm aus Stein. Wenn Jean-Denis Perrochet im Wohnzimmer steht, geht sein Blick über die Reben, den Neuenburgersee, Richtung Bern. Ein Blick voller Ungeduld. Er will, dass sich etwas ändert – und zwar schnell. Es gärt in der Romandie, und das nicht mehr nur in den Weinfässern.

Perrochet hat seinen Betrieb bereits auf biodynamische Produktion umgestellt, wie ein Viertel aller Rebbauern in Neuenburg. Und er gehört zu den Initianten einer Volksinitiative, die ein Verbot synthetischer Pestizide fordert. Dass diese überhaupt zustande kam, schon das ist bemerkenswert: ein Projekt ohne Unterstützung durch die Parteien, getragen von politisch unerfahrenen Bürgern aus der Westschweiz, die drei Viertel der Unterschriften in ihren Regionen sammelten.

Dass die Welschen den Umweltschutz ablehnen, sei ein Klischee. Das sagen sogar Bürgerliche. "Die Romands interessieren sich sogar sehr für Ökologie. Zum Beispiel gibt es schon lange eine parteiübergreifende Gruppe für ökologisch-liberale Politik", erzählt Raphaël Comte. Er ist FDP-Politiker und Neuenburger Ständerat. In der Westschweiz sei die politische Landschaft eine andere. Die FDP sei hier noch stärkste Partei, nicht die SVP, und entsprechend breiter seien die Freisinnigen aufgestellt. Sie haben ein unverkrampfteres Verhältnis zum Staat und fühlen sich nicht ständig von rechts durch eine alles dominierende SVP bedroht. Klar, auch die Westschweizer FDP ist gegen mehr Bürokratie, aber sie bekämpft Regulierung nicht aus Prinzip. Für welsche Bürgerliche ist eine politische Steuerung der Wirtschaft kein Tabu, sondern ein Mittel zum Zweck.

"Natürlich liegt uns Wirtschaftspolitik am Herzen", sagt Ständerat Comte, "aber soziale Themen und die Ökologie waren für uns immer ebenso wichtig." Was auffällt: Als die FDP-Delegierten im Frühling in Zürich die umweltpolitische Kehrtwende beschlossen, da waren die Romands gut vertreten. Und bei allen knappen Abstimmungen gaben letztlich die Romands den Ausschlag und sorgten dafür, dass es die Partei nicht bei Floskeln bewenden ließ, sondern nun Abgaben auf CO₂ und Flugtickets fordert. Das Thema sei kein Hype, ist Raphaël Comte überzeugt, weder für die Partei noch für die Gesellschaft.

Der Neuenburger Comte ist Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe Klimaänderung und sieht sich gerade voll bestätigt. Politik sei langsam, das gehöre zu ihrem Wesen. Jetzt aber finde wirklich ein Wandel statt, und er freue sich sehr, dass er zum Ende seiner politischen Laufbahn das noch mitgestalten könne. Wobei er einräumt: "Die Nagelprobe steht uns noch bevor: mit dem CO₂-Gesetz, das in dieser Session in den Ständerat kommt."