Sabine Gabrysch ist Deutschlands erste Professorin für Klimawandel und Gesundheit. Besuch bei einer Ärztin, die globale Diagnosen stellt.

Professor

Der Apfel ist ein beliebtes Symbol, vom biblischen Paradies bis zur Entscheidung des Paris. Die rotbackige Sorte Jakob-Fischer, die Sabine Gabrysch aus dem Garten ihres schwäbischen Großvaters mitgebracht hat, ist robust, vitaminreich, ein Beitrag zur biologischen Vielfalt. Er steht für ihr großes Ziel: "gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten". Der perfekte Snack für Deutschlands erste Professorin, die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit erforscht.

Noch arbeitet die Medizinerin und Epidemiologin in Heidelberg, entsprechend dicht ist ihr Terminkalender in Berlin getaktet, mit Planungstreffen in der Charité und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), mit Kongressbesuchen und Interviews. Sie sitzt am Küchentisch einer befreundeten Kollegin im Wedding, und sie klappt den Laptop zu, um die Frage zu beantworten: Wieso gibt es so eine Professur erst jetzt?

Schließlich liegt auf der Hand, dass steigende Temperaturen Hitzestress und mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen könnten. Und womöglich gibt es in Europa bald neue krankheitsübertragende Mückenarten. Sollten sich also nicht mehr Mediziner für den Klimawandel interessieren? Die 43-Jährige stellt die Gegenfrage: "Vielleicht sind solche Auswirkungen einfach zu offensichtlich?" Immerhin arbeiteten einige Mediziner längst an Themen wie kommunalen Hitzeplänen für Krankenhäuser.

Gabrysch hingegen denkt weiter. Und sie denkt größer. Ihr Interesse gilt den globalen Dimensionen, die Gesundheit hat. Deren Ungerechtigkeiten würden übersehen, bis heute. Und mit fortschreitender Erderwärmung spitzten sie sich zu.

Gemeinsam mit ihrem Forschungsteam hat sie in Bangladesch beobachtet, dass Menschen nicht mehr ausreichend zu essen haben, wenn die Monsun-Saison zu früh einsetzt. Schlechte Ernten treffen besonders jene, die wenig haben. Wie wirken sich solche existenziellen Unwägbarkeiten auf die körperliche und seelische Gesundheit aus? Wie begegnen die Menschen ihrer Not? Jetzt kommt Gabrysch in Fahrt, unterstützt den Redefluss leidenschaftlich mit Armrudern: Das wolle sie erforschen! Vor allem: "Wie kann man Betroffene wappnen? Welche Früchte und Anbauweisen trotzen Wetterextremen besser und beugen drohender Mangelernährung vor?"

In solchen Analysen gilt es, komplexe Felder zu verbinden: Klimamodelle, Agrar- und Landschaftsinformationen, Ernährungskulturen, Gesundheitsdaten und ihre Deutung – alles interdisziplinär und spezifisch regional. Das ist extrem aufwendig und anspruchsvoll. Auch deshalb gebe es entsprechende Studien bislang kaum: "Lieber wird an Tabletten geforscht. Die sind überall gleich."

Das Defizit will Gabrysch gemeinsam mit den Agrarökonomen vom PIK in Potsdam aufholen. Dessen Direktor Ottmar Edenhofer führt seit Jahren Gespräche mit Medizinern vom Institut für Public Health der Berliner Charité. Doch erst dauerte es, zwei Disziplinen und Institutionen zusammenzuführen. Dann musste man die geeignete Kandidatin finden.