Manchmal wird Politik plötzlich aus dem Maschinenhaften, aus der angeblichen Perfektion gerissen. Dann fällt allen auf, was die banale Wahrheit ist, die zwar jeder kennt, aber die auch jeder ständig ignoriert: Das sind alles Menschen, die das machen. Alles echte Menschen, die in den Talkshows sitzen, die in den Nachrichtensendungen interviewt werden, die auf den Zeitungstitelseiten zu sehen sind und: die krank werden können, auch ernsthaft krank. Wie jetzt Manuela Schwesig.

Es gab eine Zeit, in der Politik und Schwäche und Krankheit nicht zusammenpassen sollten, in der behauptet wurde, dass sie nicht zusammenpassen würden. Eine Zeit, in der politische Kraft gleichzusetzen sein sollte mit Härte in allen Lebenslagen. Wer am wenigsten schläft, ist der Beste? Die Zeit, in der man das glauben konnte, liegt, wenn wir ehrlich sind, noch nicht lange zurück, aber sie ist vorbei. Der Umgang von Politik mit Krankheit ist ehrlicher, erwachsener geworden. Wer Politiker ist, kann durch Zeiten von Schwäche gehen, und wer durch Zeiten von Schwäche geht, kann Politiker sein. Und kann nicht, wer durch Zeiten von Schwäche gegangen ist, sogar ein besserer Politiker werden?

Am Dienstagmorgen tritt Manuela Schwesig vor die Kameras in der Schweriner Staatskanzlei, die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns. Eine Politikerin, die seit je für öffentliche Stärke steht, die selten einknickt und so oft makellos wirkt. Und wie sie da nun aber spricht, im dunkelblauen Blazer, vor den Kameras, und wie sie die persönlichste Botschaft ihres Lebens als Politikerin verkündet: Das ist ein Moment zum Luftanhalten.

Mecklenburg-Vorpommern - Manuela Schwesig legt SPD-Ämter auf Bundesebene nieder Den Rücktritt erklärt Schwesig mit einer Brustkrebserkrankung. Sie wolle aber Ministerpräsidentin und SPD-Parteivorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern bleiben. © Foto: Jens Büttner

Sie habe Brustkrebs, sagt Manuela Schwesig, es habe eine Reihe von Untersuchungen gegeben, und nun sei klar: "Dieser Krebs ist heilbar." Allerdings sei dafür eine medizinische, großteils ambulant durchzuführende Behandlung notwendig. Sie werde Ministerpräsidentin bleiben, jedoch zunächst kürzertreten müssen. Sie werde deshalb ihre Spitzenämter in der Bundes-SPD abgeben, den kommissarischen Parteivorsitz ebenso wie den Vizevorsitz, auf den sie in einigen Wochen wieder hätte zurückkehren wollen. All das trägt sie vor wie eine Botschaft, die sicher beruhigen soll; sie ist gefasst, sanftmütig, zugewandt. Als wären es die anderen, die getröstet werden müssten, und nicht sie selbst.

Dann sagt sie drei Sätze, die zeigen, dass dies andere Zeiten sind; dass das Schicksal einer Politikerin das Schicksal vieler ist: "Viele Frauen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Brustkrebs", sagt sie. Und: "Viele Frauen zeigen, dass diese schlimme Krankheit heilbar ist." Und: "Ich habe schon einige Kämpfe in meinem Leben geführt und werde auch diesen führen."

Wenn Politiker einen öffentlichen Kampf um ihre Gesundheit beginnen, wenn sie beschließen, Politiker zu bleiben auch in Zeiten von Krankheit, dann heißt das, dass sie auch das Leid öffentlich austragen, auch Angst und Sorge und Verletzlichkeit. Man muss sich bewusst dazu entscheiden, denn es gibt keinen Zwischenweg, es gibt nur: dabei gesehen werden oder nicht.