Eine Schildkröte krabbelt über den Strand und begegnet einem elefantengroßen Dinosaurier. Dieser trampelt, welch unglaublicher Zufall!, voll auf das arme Geschöpf und drückt es mit seinem ganzen Mordsgewicht ins Sediment. Der Panzer birst, die Knochen brechen. So passiert vor 150 Millionen Jahren.

Plesiochelys bigleri heißt die längst ausgestorbene Schildkrötenart, von der das bedauernswerte Exemplar in paläolithischer Zeit einem Riesen in die Quere gekommen sein muss. Das verraten die Spuren, die der Schweizer Paläontologe Christian Püntener mit seinen Kollegen im Jura unweit von Pruntrut gefunden hat. Sie kamen beim Bau der Autobahn 16, der "Transjurane", zum Vorschein. In den Sedimenten stießen die Forscher nicht nur auf den Fußabdruck eines jurassischen Urzeitriesen, sondern auch, unmittelbar darunter, auf den in Mitleidenschaft gezogenen Panzer und die zum Tier gehörigen zerbröselten, versteinerten Knochen.

Was wir von großen Überlandstraßen kennen: Platt gefahrene Igel, Füchse, Marder oder Katzen – dafür gab es in grauer Vorzeit mehr oder weniger analoge Vorläuferereignisse. Statt vorbeirauschender Lastwagen trampelnde jurassische Sauropoden. Statt eines Fuchses auf der Pirsch eine Schildkröte, vielleicht auf der Suche nach einem Plätzchen, um ein paar Eier, also den Nachwuchs abzulegen.

Längst halten wir es nicht mehr für einen großen Zufall, wenn zeitgenössische Kleinsäuger unter Vorderreifen von Motorfahrzeugen geraten. Roadkill nennen die Angelsachsen diese Kollateralschäden unserer hypermobilen Gesellschaft. Allzu selten dürfte sich auch der im Swiss Journal of Geosciences dokumentierte Paläocrash nicht ereignet haben. Denn der Jura war als Durchgangsroute bereits beliebt, als sich dort noch ein Strand erstreckte. Die Wissenschaftler stießen auf 15.000 Fußabdrücke von Dinosauriern. Diese nutzten den manchmal überfluteten Streifen, um bequemer als im angrenzenden Gestrüpp längere Distanzen zurückzulegen. Und so kam es auf dem Dino-Highway immer wieder zu Begegnungen zwischen den Spezies. Auch zu solchen, die für die einen tödlich endeten.

Sauriertritte waren aber nicht die häufigste Todesursache von Plesiochelys bigleri. In der Nähe der gefundenen Schildkrötenfossilien fanden sich versteinerte Krokodilknochen. Deren einstige Besitzer tummelten sich wie die Schildkröten im seichten Wattenmeer. Diesem ungleichen Duell mit dem Fressfeind dürfte die Schildkröte häufiger ausgesetzt gewesen sein als einem Monster-Trampel-Vegetarier auf Crashkurs.

Das Besondere am jüngsten Fund: Es ist nicht nur ein Getier erhalten geblieben, sondern ein dramatisches Ereignis wurde im Sediment gespeichert. Solche Funde sind selten. Aus Mexiko ist ein versteinertes Flamingoskelett bekannt; es lag unter dem Fußabdruck eines Urzeitkamels. Allerdings ist eher unwahrscheinlich, dass das Tier durch den Huf ums Leben kam. Eher lag es längst tot auf dem Grund, als das Kamel den See durchquerte.

Die abgefahrenste Sammlung fossiler Anekdoten findet sich aber in der Grube Messel in der Nähe von Darmstadt: ein Krokodil mit Fisch im Magen; ein Paläo-Python, der vor seinem Tod ein Krokodil verschlang; Fische und Frösche mit Insektenresten; Fische fressende Fische, darunter Kannibalen. Eine Fledermaus hatte vor dem Ableben einen Nachtfalter verputzt; ein Taucherli verendete mit einem Fisch im Hals.

Der Superstar der makaberen Kollektion ist ein Dreierpack: ein Tier im Tier im Tier. Eine Schlange mit Echse im Bauch. Und im Magen der Echse liegt ein zerquetschter Käfer.