Niemand mochte seine Bilder, niemand wollte sie drucken, kein Magazin, kein Buchverlag. Denn was war das für Zeug, was wollte dieser Fotograf? Warum machte er Bilder von Tanksäulen, menschenverlassen vor kargem Horizont? Weshalb fotografierte er die Pinkelbecken einer Herrentoilette? Weshalb drei anonyme Kreuze am Straßenrand, die an einen Unfall im Nirgendwo erinnern? All das passte so gar nicht zu dem, was die Nation doch sein wollte. Die Fotos durchkreuzten Amerikas Selbstbild.

Robert Frank schaute auf das Land, in das er 1947 gekommen war, und es schaute sehr fremd zurück, wenn es denn überhaupt schaute. Viele Menschen auf seinen Bildern blicken still vor sich hin, oft ernst und ein wenig ratlos, als würden sie gerade auf etwas warten und wüssten nicht mehr, worauf. Vereinsamt in ihrer Emsigkeit, verloren im Gewühl der Menge. Erschöpft auch dann, wenn sie unbedingt glücklich sein wollen.

Heute gelten diese Bilder als Vermächtnis, und es sagt sich jetzt so einfach, Robert Frank sei eine Legende gewesen. Er war es natürlich, einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, der mit seiner lakonischen Art, seiner Kunst des Ungekünstelten ganze Generationen beeinflusst hat. Man übersieht aber leicht, dass Frank lange jenen Menschen ähnelte, die er wie im Vorbeigehen fotografierte und die immer ein wenig weltverlassen wirken. Manche verschwinden sogar hinter den Dingen, hinter einer Holztreppe zum Beispiel, die einen alten Mann mit seinem Stock halb verdeckt, oder hinter der geöffneten Tür eines Rekrutierungsbüros, sodass man von dem zuständigen Soldaten nur die Schuhe sieht, die er gerade auf seinem Schreibtisch abgelegt hat.

Frank mochte keine Posen, er wollte niemanden herausstellen. Er nahm die Menschen nicht wichtiger, als sie sich selbst nahmen; unwichtiger aber auch nicht. Jedenfalls interessierte ihn weniger das Schicksal der Einzelnen als das, was man Gesellschaft nennt. Er wollte das Innere des Landes einfangen, dafür war er mit seiner Leica losgezogen.

Mitte der Fünfzigerjahre setzte er sich in einen dieser riesigen Straßenkreuzer von Ford, die mehr einer Wohnung als einem Auto gleichen, und fuhr von New York aus hinein ins Unbekannte, zwei Jahre lang durch Orte und Landstriche, die kaum jemals einen Fotografen gesehen hatten. Nichts war ihm zu unbedeutend, nichts zu abwegig, am liebsten hätte er noch den hintersten Winkel festgehalten, nein, nicht festgehalten, er wollte ja die Welt nicht fesseln, nicht einfrieren, er wollte sie in ihrer Vorläufigkeit zeigen, ziemlich grobkörnig, manchmal unscharf, die Leiber angeschnitten, der Horizont verkantet. Beim Anblick dieser Bilder könnte man meinen, nicht nur Robert Frank, sondern auch das Land sei auf Reisen und habe es viel zu eilig, um sich Zeit für ein klassisch komponiertes, ein ewig eindrückliches Bild zu nehmen.

Am Ende waren 687 Kleinbildfilme belichtet, fast 28.000 Aufnahmen, von denen Frank die allermeisten aussortierte. Nur 83 blieben übrig, eine kleine, feine, triste Geschichte der Vereinigten Staaten, als Buch arrangiert: Die Amerikaner.

Nur konnte sich, wie gesagt, kein Verlag dafür erwärmen. Man fand die Bilder freudlos, ja gehässig. Die Tristesse des Alltäglichen, die einen da ansieht, sollte dieser Robert Frank, eingewandert aus der Schweiz, mal schön für sich behalten. Und so erschien das Fotobuch zunächst in Frankreich, und der Fotograf verlegte sich nur wenig später aufs Filmemachen.

Ein wenig enttäuscht war er schon von diesem Land, das stets die eigene Offenheit fürs Neue pries und deshalb ihm, dem Neu-Seher, genau richtig schien. Geboren 1924 in Zürich, hatte er seine Laufbahn recht klassisch und neu sachlich begonnen, als bestens ausgebildeter Fotograf, der viel herumreiste, auch nach Südamerika, dann in New York zunächst bei Glitzermagazinen sein Geld verdiente und schließlich beschloss, das amerikanische Prinzip sehr ernst zu nehmen: Er suchte sein Glück in der Unverwechselbarkeit.

Im Kopf waren ihm die Bilder großer Kollegen, von Walker Evans, André Kertész, auch von Brassaï, doch wollte er unbedingt seinen eigenen Stil finden: "Etwas, wo die Leute sagen können: Das ist ein Foto von Robert Frank", wie er später in einem seiner seltenen Interviews erzählte. Erstaunlicherweise fand er die Einzigartigkeit ausgerechnet im Durchschnittlichen, die eigene Besonderheit im Unscheinbaren. Seine Stärke war der Blick für die Schwachen, für all jene, die ungesehen waren, bis Robert Frank kam – nicht um sie vorzuführen, sondern um aller Welt ein anderes, ein gern verdrängtes Amerika zu zeigen, mal schwarz, mal arm, mal alt, mal alles zugleich.

Auch in seinen 30 Filmen hat Frank viel gewagt, ist manchmal sehr persönlich geworden, mit ruckelnden Bildern aus seinem Familienleben und Einblicken in die Psychiatrie. Ein Film über die Rolling Stones 1972 geriet derart drastisch, dass die Band ihn nicht freigeben wollte. Auch weitere Fotobücher sollte Frank später herausbringen, über Paris oder Peru. Keines aber blieb so im Gedächtnis wie seine Americans, diese große Reportage, für die er 1959, unterstützt von Beat-Poeten wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac, doch noch einen amerikanischen Verleger fand und die später in vielen Museen gefeiert wurde. Heute gilt sie als zentrales Dokument jener Nachkriegszeit, in der die Nation nicht wusste, wohin mit sich. Sein Leben lang blieb Robert Frank diesem Land der Abgehängten tief verbunden. Am 9. September ist er gestorben, mit 94 Jahren.

Im Fotohaus c/o Berlin ist eine große Robert-Frank-Ausstellung zu sehen, vom 13. September bis zum 30. November