Wer genau hinhörte oder zwischen den Zeilen las, der realisierte: Der angekündigte Rücktritt von SBB-CEO Andreas Meyer war erst der Anfang. Der große Umbruch steht der Schweiz und ihren täglich 1,26 Millionen bahnfahrenden Pendlern und Ausflüglern erst noch bevor.

Mit Meyer, dem umtriebigen, stets nach vorne preschenden und kaum nach links und rechts, geschweige denn nach hinten schauenden Supermanager, den nichts mehr ärgerte als der Vorwurf, sein Unternehmen sei ein Staatsbetrieb, mit seinem Abgang endet eine Ära.

Nicht nur bei den SBB, die Meyer in den 13 Jahren, die er für das Unternehmen arbeitete, zünftig umgekrempelt hat. Auch für die Schweiz und ihren öffentlichen Verkehr, ja ganz grundsätzlich für das Verhältnis des Staats zu den sogenannten bundesnahen Betrieben. Also zu all jenen Firmen, die zwar längst als Aktiengesellschaften ausgelagert und teilweise sogar an der Börse sind, bei denen die Eidgenossenschaft aber weiterhin Mehrheitseignerin ist: Swisscom, Post und SBB.

Am vergangenen Wochenende nahmen die beiden obersten Chefinnen der SBB ausführlich Stellung zum Meyer-Rücktritt und der Frage: was nun?

Der SBB-CEO Andreas Meyer tritt 2020 zurück. © Tomas Wüthrich/​13 Photo

Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga beteuerte in der Samstagsrundschau des Schweizer Radios zwar, sie werde der SBB-Führung nicht reinreden und die Suche nach einem neuen CEO sei Aufgabe des Verwaltungsrats. Doch betonte sie auffällig deutlich und sprach dabei jeweils in der Ich-Form, dass sie es war, die den Knatsch zwischen den SBB und den BLS aus dem Weg geräumt hatte; es ging dabei um Konzessionen für den Betrieb von Fernverkehrslinien. Auch sei sie, Sommaruga, es gewesen, die dafür gesorgt habe, dass aus dem Regionalverkehr, der hochdefizitär ist, kein Geld abfließe. Gleichzeitig kündigte die Bundesrätin an, sie überlege sich, den SBB künftig mehr Geld für den Unterhalt zur Verfügung zu stellen. Kurzum, sie erklärt einer ganzen Branche den Tarif.

Tags darauf offenbarte SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar in der Sonntagszeitung, dass sie noch nicht realisiert hat, was es für ihr Unternehmen geschlagen hatte. Im lockeren Plauderton zog sie eine Bilanz der Ära Meyer. Durchwegs positiv, mit ein paar kritischen Untertönen. Sie tat dies, wie sie es als CEO und Profi-Verwaltungsrätin gewohnt ist: mit dem engen Fokus auf das eigene Unternehmen, allein ihm, seiner Führungscrew und den 33.000 Mitarbeitern verpflichtet. Kunden, selbstverständlich, die sind auch noch da, aber irgendwie lästig.

Dass die SBB keine x-beliebige Firma sind, spürt Ribar anscheinend auch nach drei Amtsjahren nicht. Sie sind ein Konzern, welcher der Eidgenossenschaft gehört und der wie kaum ein anderer von der Politik abhängig ist: Der Bundesrat definiert seine strategischen Ziele, die Kantone bestellen bei ihm die ÖV-Angebote, das Parlament beschließt die Milliarden, mit denen die neuen Tunnels, Bahnhöfe und Doppelspurstrecken gebaut werden – schließlich ist es das Volk, das diese Großinvestitionen absegnet.

Ebendieses Volk ist es, das täglich mit dem Zug zur Arbeit pendelt, das sonntags mit der Eisenbahn zum Wandern in die Berge fährt. Die Vielfahrer und Freizeit-Genießer sind es aber auch, die unter den zunehmenden Verspätungen, Zugsausfällen und Oldtimer-Rollmaterial-Einsätzen leiden oder sich über die vielen kleinen Details ärgern: fehlende Gepäckablagen, dreckige Toiletten oder Billettautomaten, für die man eine Gebrauchsanleitung braucht. Umso irritierender, wenn die oberste Bähnlerin sagt: "Ich wäre nicht in der Lage, ein Ticket am Automaten zu lösen, das ist mir zu kompliziert." Vermutlich wollte sie sich damit über ihr eigenes Unvermögen lustig machen. Verlacht hat sie mit ihrer flapsigen Äußerung ihre eigenen Kunden, die tatsächlich an den Maschinen scheitern.

Knorzt es in einem Unternehmen wie den SBB, sind daran nie allein Einzelpersonen schuld. Die gröbsten Fehler liegen im System. So geht es auch bei der Frage nach der Zukunft der Bahn in der Schweiz nicht um einen Zweikampf Verkehrsministerin versus Verwaltungsratspräsidentin, Simonetta Sommaruga versus Monika Ribar.

Vielmehr prallen hier zwei unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Volkswirtschaft kracht auf Betriebswirtschaft. Es geht um die Frage, was die Aufgaben der SBB sind, wer diese definiert und wer darüber wacht.

Klar, der Bundesrat formuliert die strategischen Ziele seiner Bahn. Aber solche Leitlinien sind zum einen Auslegungssache, und zum anderen müssten die Ziele eingefordert und kontrolliert werden.