In ihrem persönlichen Werdegang haben sie so gut wie nichts gemeinsam: Der umstrittene frühere Innenminister Herbert Kickl stand erst lange im Schatten von Jörg Haider und dann von Heinz Christian Strache, für die er Bierzeltsprüche und Wahlslogans ausheckte. In der breiten Öffentlichkeit wurde der Vater vieler erfolgreicher freiheitlicher Wahlkämpfe erst als Asyl-Hardliner unübersehbar.

Sebastian Kurz hingegen suchte schon als Teenager die erste Reihe: Seinen Platz sah der jugendliche Fan der Regierung Schüssel-Haider immer an der Sonne. Von der Jungen ÖVP bis an die Regierungsspitze stets in Frontrunner-Manier. Näher kennengelernt haben die beiden einander erst vor zwei Jahren.

Kurz erzählte einst im kleinen Kreis, dass er bis zur Regierungsbildung 2017 nur ein einziges Mal mit Kickl persönlich gesprochen habe – und das bei einem zufälligen Zusammentreffen in den Couloirs des Parlaments. Beide waren da fast schon ein Jahrzehnt in der Spitzenpolitik. Sie fanden als Einzige in den fast zwei gemeinsamen Regierungsjahren auch keinen persönlichen Draht zueinander – was letztlich auch den Koalitionsbruch nach Ibiza besiegelte.

Spätestens seit beide Politiker zeitgleich den kongruenten Plakatslogan affichieren ließen ("Einer, der unsere Sprache spricht"), diskutiert das politische Österreich heftiger denn je: Wie viel Kickl steckt in Kurz? Wie deckungsgleich sind die Politik des blauen Hardliners und der türkisen Lichtgestalt?

Fritz Plasser, Politikwissenschaftler und als ÖVP-Grundsatzdenker in der Ära von Alois Mock ein Intimkenner der Partei, hält die Fragestellung für eine "sehr drastische These". Aber spätestens der Wahlkampf 2017 habe auch ihn nachdenklich gemacht – als Kurz den Blauen ihr Kernthema Asyl nachhaltig streitig machte. Plasser: "Kurz ist ein hervorragender Kommunikator. Sein Mantra im Wahlkampf war der Kampf gegen die illegale Migration. War das alles nur Strategie, oder steht Kurz auch als Person dahinter? Das öffentliche Bild von Kurz lässt diese Frage offen."

Im Fall Kickl ist für Plasser "das Bild klarer und konturierter. Die innere Sicht und die Außendarstellung sind so gut wie ident." Plassers Resümee über das Beziehungsgeflecht der beiden Alpha-Politiker: "Ihr Thema war zwar deckungsgleich, die beiden sind aber höchst unterschiedliche Persönlichkeiten, die zudem miteinander in Konkurrenz stehen."

Sebastian Kurz selbst sieht sich hingegen als Anti-Kickl: als das personifizierte und bislang einzig wirksame Rezept gegen den weiteren Vormarsch des blauen Ideologen. Im kleinen Kreis wirbt er immer wieder gerne mit einem Argument, um mehr Applaus für seine türkise Politik zu erhalten: Noch im Frühjahr 2017 lag die FPÖ in allen Umfragen mit über 30 Prozent der Stimmen klar auf dem ersten Platz und war damit in der Lage, erstmals ernsthaft den Kanzleranspruch zu stellen.