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Protestmusik ist ein riskantes Unterfangen in der Türkei. Als etwa Cem Karaca nach dem Putsch 1980 aus Protest den 1.-Mai-Marsch sang, wurde ihm kurzerhand die Staatsbürgerschaft entzogen. Wer damals seinen Protest vertonen wollte, wählte die Rockmusik. Bis der Liedermacher Ahmet Kaya einen neuen Stil einführte. Er verlieh den jungen Leuten eine Stimme, die zum Widerstand in die Berge zogen, und wurde schließlich das Opfer einer Prozesslawine. Nach einer Lynchkampagne musste er 1999 ins Exil nach Paris. Zu den Konzerten von Grup Yorum kommen wiederum eine halbe Million Menschen, die Band singt bei Streiks und Kundgebungen Revolutionslieder. Fast zehn Bandmitglieder sind derzeit inhaftiert.

Wegen des großen Risikos, das man mit Protestmusik eingeht, hat sich türkischer Pop mittlerweile auf Melancholie und Egalhaltung verlegt. Der Rock hat seinen rebellischen Geist begraben. Doch unverhofft kommt nun ein neuer Wind auf: Rap. Anfang der Neunziger brachten ihn Deutschtürken als Pioniere ins Land. Letzte Woche nun erschütterte ein 15-Minuten-Video die Musikwelt. 20 bekannte Rapper singen, angeleitet durch den Urheber Sarp Palaur, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Şanışer, gemeinsam Susamam ("Ich kann nicht schweigen"): "Das Leben ist hart, du willst Spaß haben mit Musik, du verdrängst die Realität. Doch wir glauben daran, dass Musik etwas ändern kann. Schließ dich an!" Nach diesem Aufruf äußern 20 Rapper zu 20 verschiedenen Themen offen ihre Meinung. Es geht nicht nur um relativ unbedenkliche Themen, derentwegen keine Verhaftung droht, wie Umweltzerstörung, Morde an Frauen, Verkehrsüberlastung oder Bildungsmisere, sondern auch um "problematische" wie Justiz, Gerechtigkeit, Medien oder Faschismus.

Quasi im Namen einer Generation heißt es: "Ich bin ein weißer Türke, mein Gesetz ist angelsächsisch, mein Kopf nahöstlich. Apolitisch wuchs ich auf, hab nie gewählt. Hab nur an Ferien, Herumkommen und Schulden gedacht. Jetzt hab ich Angst, auch nur zu twittern. Wenn sie dich eines Nachts zu Unrecht einlochen, findest du keinen Journalisten, der darüber berichtet. Alle sind eingesperrt."

Diese mutige Stimme im großen Schweigen, in dem die Leute sich, wie es auch im Song heißt, nicht einmal trauen, einen kritischen Tweet abzusetzen, stieß auf ein unerwartet gewaltiges Echo. Der Hashtag #Susamam schoss in den weltweiten Trends auf Platz eins. Bereits 17 Millionen Menschen haben das Video gesehen. "Ich habe keine Angst vor Verhaftung", erklärte Mitstreiter Fuat. "Wir sind Rapper, es ist unsere Pflicht, Wahrheiten auszusprechen. Mit Angst kann man nicht leben."

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe