Ist es nicht Zeit, den Zweiten Weltkrieg als Erzählstoff auszulassen? Müsste man mit Blick auf all die Krisen und Probleme der Gegenwart nicht Wichtigeres erzählen als den Feldzug nach Stalingrad? Es gibt viele gute Gründe, diese Fragen beherzt mit Ja! zu beantworten, wenn da bloß nicht der Roman Und ich war da von Martin Beyer wäre. Der 1976 geborene Autor aus Bamberg, der dieses Jahr beim Bachmann-Wettbewerb mit Textauszügen aus seinem Werk für hitzige Debatten sorgte, schleudert jetzt einen Text in die Welt, der voller Sprengkraft ist und nebenbei beweist, warum das literarische Nachdenken über die NS-Zeit kein Fünkchen an Relevanz verloren hat. Man muss nur die richtige Form finden.

Martin Beyer hat diese Form gefunden, sie passt ideal in die Gegenwart: Der Text ist rasant, irre gut konstruiert und von einer erzählerischen Kraft, die selbst ein von Instagram und Twitter zerfurchtes Hirn nicht davon ablenkt, geradezu hypnotisiert durch die Kapitel zu rauschen und sich jene Frage zu stellen, die schon Büchner nicht beantworten konnte: "Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?"

Der Roman beginnt 1936, wenige Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum stehen zwei Bauernsöhne im ländlichen Bayern, die von ihrem jähzornigen Vater zur Feldarbeit gepeitscht und für ihr verkopftes Verhalten verprügelt werden. Dennoch gelingt es ihnen, sich allabendlich vom Hof zu stehlen, um sich einer sinnstiftenden Freizeitbeschäftigung zu widmen: der Gründung einer neuen Organisation namens "Hitlerjugend". Der Bruder Anton ist von Anfang an begeistert. August wiederum, der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, kann mit dem Vaterlandsgerede wenig anfangen, trotzdem nimmt er an den Mutproben teil. Bereits hier ist die Saat für seine weitere Existenz gesät: Der Junge ist ein gutherziger, aber rückgratloser Schwärmer, der sich rein zufällig in den Sog der Nazidiktatur hineinziehen lässt.

Man könnte dem Roman nun vorwerfen, zu viel Unerhörtes auf einmal zu verrühren: Erst freundet sich August mit einem Jungen an, der sich als Maulwurf innerhalb der "Hitlerjugend" erweist. Dann gerät er in die Umtriebe einer kommunistischen Widerstandsbewegung und verliebt sich in deren Anführerin (die Gestapo sorgt dafür, dass das Mädchen spurlos verschwindet). Dann muss sich August gegen den HJ-Anführer Max behaupten, der in August einen ideologieschwachen Träumer sieht. 1941 kommt es dann zur Wandlung: Der Junge hat genug vom versoffenen Vater, von der Feldarbeit, den HJ-Abenden und zieht als Wehrmachtsoldat an die Ostfront.

Dort erlebt er alle Widerwärtigkeiten, die der Krieg zu bieten hat. Dort verwandelt er sich vom Bauernjungen zum Mörder ohne Motiv. Dieser Teil ist das Herzstück des Romans. Der Text suhlt sich im Schlamm der Brutalität und zeigt in einer schnell getakteten Sprache, wie sich eine Existenz im kriegerischen Ausnahmezustand anfühlt: Das Wehrmachtregiment vergewaltigt, stiehlt und mordet; bricht mit allen Regeln der Menschlichkeit. August beteiligt sich daran, selbst ein Massenmord rüttelt ihn nicht wach: Kurz vor Moskau ist er dafür zuständig, den Tod jener Juden zu überprüfen, die von der SS an Gruben gestellt wurden, erschossen und dort verscharrt wurden. Am Ende bleibt vom sensiblen Jungen nichts weiter übrig als eine menschliche Hülse, ein seelenloser Leib. August wirkt geradezu befreit, als ihm ein russisches Mädchen in den Arm schießt und die Hoffnung in ihm weckt, an den Wunden endlich krepieren zu dürfen. Doch der Wunsch geht nicht in Erfüllung: August überlebt die Schlacht und reist als Versehrter nach Deutschland zurück.

Es ist das Jahr 1943. Hier beginnt der kontroverse Schlussteil der Romans, den Beyer beim Bachmann-Wettbewerb auszugsweise vorgelesen hat. Der Protagonist wird, nahezu zufällig, zum Gehilfen des Scharfrichters Johann Reichhart, der die Hinrichtung der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl verwaltet. Der Roman beschreibt die bürokratische Prozedur des staatlichen Tötens. Der Rückbezug auf das reale Schicksal der Geschwister Scholl wirkt allerdings unausgegoren und schmälert die Ausdrucksstärke des Romans. Trotzdem ändert dieser Missgriff nichts daran, dass Beyer einen berührenden Text geschrieben hat, der eine Leserschaft zu erreichen vermag, die längst in die Welt der Streamingportale abgedriftet ist.

Beyer bedient sich des modernen Storytellings, um diese Leser zurückzuholen und sie zu fragen: Was macht einen Menschen zum Mittäter und Mörder? Ist es die Gewalt in der Familie, Ignoranz, ein schwammiges Moral-Fundament, die Abwesenheit von Mut? Was die Gründe auch sind: Diese Geschichte beschreibt den Typus des Mitläufers als gefährlichstes Element in einer porös werdenden Gesellschaft. Vor diesem Typus sollte man Angst haben. Vor so einem Typus wie August – er ist wie wir.

Martin Beyer: Und ich war da. Roman; Ullstein Verlag, Berlin 2019; 192 S., 20,– € , als E-Book 16,99 €