Allein diesen Artikel zu schreiben könnte nach Meinung einiger Kolleginnen und Kollegen schon ein Fehler sein, und es gab tatsächlich immer wieder Stimmen, die mich davor gewarnt haben, so etwas zu tun: mich weiter zu exponieren, zu deutlich Position zu beziehen – manche aus Sorge, ich könne mich wieder "in Gefahr" bringen, andere als Mahnung, nicht weiter zu "polarisieren" oder "Unfrieden" zu säen in ohnehin aufgeheizten Zeiten. "Endlich ruhen lassen!" Eine verstörende Zaghaftigkeit kommt da zum Ausdruck, angeblich um einer Gesellschaft willen, die sich nach nichts mehr sehne als Ruhe, Frieden und Mitte.

Unabhängig davon, ob man diesem Befund angesichts der jüngsten Wahlergebnisse im Osten noch folgen mag: Verstörend daran ist vor allem die mitgedachte Rollenverteilung, mit der Aufklärer zu Aufwieglern erklärt werden und die Aufrührer sich als Wahrer bürgerlicher Werte gerieren können. Ein Verwirrspiel, das keiner besser beherrscht als die AfDzu besichtigen zuletzt am Abend der Sachsen- und Brandenburgwahl, wo die Vorkämpfer der Partei unwidersprochen eine Bürgerlichkeit für sich in Anspruch nehmen durften, mit der sie die rechtsextreme Verortung ihrer Spitzenkandidaten so notdürftig wie offensichtlich kaschierten – um dann zum Angriff auf ihre demokratischen Gegenredner überzugehen.

Der WDR-Journalist Georg Restle, 53, erhielt nach seinem AfD-kritischen Kommentar in den "Tagesthemen" vom 11. Juli eine Morddrohung. Sie soll von einer Gruppe stammen, die "Todeslisten" führte – auf denen auch die Namen des Bürgermeisters von Altena und der Kölner Oberbürgermeisterin standen. Beide wurden bereits Opfer von Gewalt. Restle leitet das ARD-Politmagazin "Monitor". © Karlheinz Schindler/​dpa

Wohin das führen kann, zeigt eine ziemlich perfide Diffamierung, die mir persönlich galt. Als "totalitären Schurken" betitelte mich AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen im Juli vor Anhängern in Cottbus, allein weil ich mir erlaubt hatte, in einem Tagesthemen-Kommentar das Offensichtliche zu benennen: dass die AfD der rechtsextremistischen Szene längst als "parlamentarischer Arm" gilt. Aus diesem Grund sollte man ihr "keinen Raum, keine Bühne und erst recht keine Stimme geben".

Man darf Herrn Meuthen unterstellen, dass er seine Worte präzise wählt und genau um die Reaktionen weiß, die er damit in einer zunehmend gewaltbereiten rechten Szene provoziert. Die Morddrohungen gegen mich folgten so postwendend wie vorhersehbar, auch weil hier ein verbrecherischer "Totalitarismus" behauptet wurde, der in den braunen Dunkelkammern des Netzes wie selbstverständlich als Aufruf zu Widerstand und Selbstjustiz verstanden wird – ein Kampfbegriff, den die Ideologen vom rechten Rand aber nicht nur gegen Journalisten, sondern gegen alle von ihnen gehassten Institutionen des demokratischen Rechtsstaats zum Einsatz bringen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeschlossen.

Ich bleibe deshalb dabei: Wer der AfD hierfür die große Bühne bietet, unterstützt keinen demokratischen Diskurs, sondern beteiligt sich an den systematischen Angriffen auf unsere Grundwerte, die gewaltbereite Extremisten am Ende zur Tat schreiten lassen. Die gezielten Provokationen, die Entwertung alles demokratisch Bestehenden, sind nämlich keinesfalls erratischer Natur. Sie sind Teil einer umfassenden Strategie, niedergeschrieben vom wohl einflussreichsten Vordenker der AfD, Götz Kubitschek, der in seinem rechtsnationalistischen Kampfblatt Sezession keinen Hehl daraus macht, wie er die Gesellschaft in Aufruhr versetzen will, um diesen Staat zu stürzen.

"Selbstverharmlosung" heißt sein Aufsatz aus dem Februar 2017, der sich wie ein Marschbefehl liest, um "in Grenzbereiche des gerade noch Sagbaren und Machbaren provozierend vorzustoßen und sprachliche oder organisatorische Brückenköpfe zu bilden, zu halten, zu erweitern und auf Dauer zum eigenen Hinterland zu machen". Klingt martialisch, und genauso ist es auch gemeint vom geistigen Krieger der selbst ernannten "Neuen Rechten", von dem man wissen sollte, dass er ein glühender Verehrer der präfaschistischen "Konservativen Revolution" ist, der die erzfaschistischen Bündnisgenossen Hitlers von der rumänischen "Eisernen Garde" als "faszinierendes Phänomen" bezeichnet und die Erinnerungskultur als "Holocaust-Industrie". Ein intellektueller Strippenzieher der rechten Szene, bei dem sich die Altvorderen der AfD von Jörg Meuthen bis Andreas Kalbitz regelmäßig die Klinke in die Hand geben, um sich ideologisch wie strategisch aufrüsten zu lassen.

Anschauungsbeispiele für diese Strategie gibt es reichlich. Aber keiner verkörpert sie so eindrücklich wie der thüringische AfD-Chef und "Flügel"-Frontmann Björn Höcke, der es am vergangenen Wochenende fertigbrachte, seinen schauspielreifen Abbruch eines ZDF-Interviews mit dem Satz "Ich bin auch nur ein Mensch!" zu krönen, nachdem er zuvor sein NS-Vokabular wortreich relativiert und dem Journalisten mit "massiven Konsequenzen" gedroht hatte. Mehr Selbstverharmlosung geht nicht.

Die permanente Provokation als ein Eroberungsfeldzug ins geistige Terrain des "Gegners", um das Unsägliche zu normalisieren: Genau darum geht es der AfD bei ihrem Versuch, die öffentlichen Bühnen zu erobern, die Themen zu bestimmen und Andersdenkende zu verunglimpfen. Es ist eine Strategie, bei der es fast nie um die Macht des Arguments, sondern vornehmlich um Geländegewinne im publizistischen Milieu geht.

Hauptsache, die "Front" beginnt zu bröckeln, wie Kubitschek es in seinem Text formuliert: So "verzahnt man sich mit den Truppen des Gegners, stößt vor, erobert ein paar Stellungen und sorgt für ein unklares Lagebild. So weiß der Gegner nie, ob er nicht auch die eigenen Leute trifft, wenn er feuert; oder er weiß es ganz genau – dann wird er seine Geschosse vielleicht nicht abfeuern."