Verloren in der großen Stadt, kein Nachtquartier, kein Schutz vor Kälte oder Nässe, auf Durchreise oder gar länger gestrandet: Der Bahnhof wurde mit der einsetzenden Industrialisierung zum sittenlosen Schreckensbild der Moderne. Dort konnte man buchstäblich unter die Räder kommen: Dienstmädchen vom Lande, die ihre Stelle nie antraten, Kinder, die in den Massen von ihren Eltern getrennt werden. Das alte Bild, dass Reisen keine Lust, sondern zunächst einmal eine gefährliche Angelegenheit ist, prägte bis zum Tourismuszeitalter das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung.

Die deutsche Bahnhofsmission wird 125 Jahre alt. Auch nach 125 Jahren noch weckt bei nahezu jedem Reisenden das Logo mit der Bahnhofsmission heimelige Assoziationen: Es ist gut, zu wissen, dass sie da ist, einfach nur Wohlfahrt bietet. Hier missioniert man nicht, sondern hilft Menschen ungeachtet ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit. Heute kümmern sich rund 2300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jährlich um zwei Millionen Menschen. Längst ist das nicht mehr nur die resolute grau gewandete Diakonissin mit weißem Häubchen, die für eine kurze Form von Geborgenheit steht und so unerschrocken wie lebenserfahren jeder Situation warmherzig ins Auge blickt. Heute wirken mehrheitlich Ehrenamtliche und professionell ausgebildete Streetworker als "gelebte Kirche" am Bahnhof, bieten eine Insel zwischen Drogen- und Stricher-Ecken.

Getragen werden die Bahnhofsmissionen von der evangelischen und der katholischen Kirche, zunächst war es eine protestantische Hilfseinrichtung. Es gab auch eine jüdische Bahnhofsmission. Die katholische Kirche stieg in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein, nicht zuletzt, weil viele schlesische Hilfesuchende katholischen Glaubens waren. Die kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland (KKBM) ist ein gut funktionierendes ökumenisches Vorzeigeobjekt. Das Unterstützungsangebot der Bahnhofsmission reicht vom Geleit von Senioren und Menschen mit Handicap bis zu Hilfen in akuten Notlagen. Zahlreichen Migrantinnen und Migranten halfen sie in den Tagen der großen Migrationsströme, das richtige Gleis zu finden. Seit 2003 gibt es überdies eine Fernstreckenbetreuung für allein reisende Kinder.

Der Bahnhof war einst das sittenlose Schreckensbild der Moderne.

1894 begannen die Berliner "Freundinnen junger Mädchen" und der "Verein zur Fürsorge für die weibliche Jugend" am Schlesischen Bahnhof mit ihrer Arbeit. Aus der Fraueninitiative wurde ein gut vernetzter Verband. Doch Hitlers Reichskanzlei verbietet 1939 die karitative Hilfe, dabei wäre sie gerade da am Nötigsten gebraucht worden. Aber auch in der DDR ist sie nicht wohlgelitten. 1954 wird die Bahnhofsmission nach Spionagevorwürfen im Osten Deutschlands eingestellt. Erst nach der Wende,1991, entstehen Standorte in Görlitz, Dessau und Halle an der Saale. Einen Knotenpunkt sozialer Hilfen wie dieser wird auch zukünftig nicht an Bedeutung verlieren.

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