Zu den Utopien, die einem Freude und zugleich Angst machen können, gehört das "bedingungslose Grundeinkommen". Diese Idee hängt mit der Vorstellung zusammen, dass der gesellschaftliche Reichtum groß genug sei, um den Menschen die Arbeit für ihren Lebensunterhalt ersparen zu können. Dies ist vor allem dem technischen Fortschritt zu verdanken, der andererseits wieder Angst macht, weil er zu einer Massenarbeitslosigkeit führen könnte. In seiner jüngst gedruckten Wiener Rede Aspekte des neuen Rechtsradikalismus aus dem Jahr 1967 hat Theodor Adorno festgestellt, "dass im Zeitalter der Automatisierung, die ja in Zentraleuropa noch zurück ist, aber ohne Frage nachgeholt werden wird, auch die Menschen, die im Produktionsprozess drinstehen, sich bereits überflüssig – ich habe das sehr extrem ausgedrückt –, sich als potentielle Arbeitslose eigentlich fühlen".

Die Utopie ist in ein Paradox verwickelt: Einerseits droht mit ihr die Arbeitslosigkeit, andererseits darf ich hoffen, auf Erwerbsarbeit verzichten zu können. Zur selben Zeit, als Adorno vom "Zeitalter der Automatisierung" sprach, plädierte der Ökonom Robert Theobald für ein "garantiertes Einkommen, weil aufgrund der Automatisierung zunehmender Überfluss und zunehmende Arbeitslosigkeit künftig Hand in Hand gehen würden".

Erstaunlich an dem Buch, aus dem das Zitat stammt, ist für den Laien die Fülle der Texte, manche stammen aus längst vergangenen Zeiten. Die Grundlagentexte beginnen mit Thomas Morus, Thomas Paine und Thomas Spence. Sie enden mit einer Studie von Claus Offe, die bereits im Titel alles Nötige sagt: "Das bedingungslose Grundeinkommen als Antwort auf die Krise von Arbeitsmarkt und Sozialstaat". Die Herausgeber legen zwar großen Wert darauf, dass die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht in der Geschichte vorausgeahnt und irgendwann einmal schon definiert wurde. Es ist kein Ideal von früher mit dem Auftrag, es heute zu realisieren. Aber es gilt: "Wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen auch historisch beispiellos ist, geschichtslos ist es nicht." Mir zeigte das Buch die Vertreibung aus dem Paradies und jene immerwährende Suche nach einem Ausweg, um wenigstens in Gedanken nicht im Schweiße des Antlitzes schuften zu müssen.

Werden die Bedürftigen jemals irgendetwas Bedingungsloses haben? Unwahrscheinlich, dass die Staaten- und die Wirtschaftslenker (deren Arbeit ihnen Freude macht) auf den eingebürgerten Sadismus verzichten, mit dem man die Massen der Erwerbsarbeiter – durch die Angst vor der Arbeitslosigkeit – so gut in Schach halten kann.

Philip Kovce und Birger P. Priddat: Bedingungsloses Grundeinkommen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 514 S., 26,– €