Mehr als backen zu lernen. Doch es schaut kaum jemand hin, wie 2,5 Millionen Berufsschüler auf die Zukunft vorbereitet werden. Ein Besuch in der vielleicht wichtigsten Schule unserer Gesellschaft

Berufseinstieg

Um seinen Schulabschluss doch noch zu schaffen, steht Elias neuerdings morgens um vier Uhr auf. Fast zwei Stunden juckelt er mit dem Bus durch das südliche Schleswig-Holstein. Angekommen im Schulbistro in Mölln, schließt er seine Sachen in einen Spind, bindet sich eine Schürze um, kurze Teambesprechung, los geht’s. Hinten in der Küche werden Teiglinge aufgebacken, Brötchen geschmiert, Paprika geschnippelt. Vorne bereitet Elias den Pausenverkauf vor. Dann der Gong, rasch stehen über zwanzig Schüler Schlange. "Sie können auch zu meinem Kollegen kommen", ruft Tanja Friedrichsen und deutet auf Elias. Er rechnet ein Eibrötchen ab, 50-Euro-Schein, kurzes Zögern beim Rausgeben, sie hilft dezent.

Friedrichsen ist Elias’ Lehrerin, behandelt ihn aber wie ein neues Team-Mitglied. In der Rolle des Schülers hat er vorher nicht gerade geglänzt, die Gemeinschaftsschule in Geesthacht hat er ohne Abschluss verlassen. Die Ausbildungsvorbereitungsklasse ist für ihn nun die letzte Möglichkeit, schulisch noch etwas zu reißen. Zusammen mit 3863 Schülern besucht er seit Beginn des Schuljahrs das Berufsbildungszentrum (BBZ) Mölln. Mit Projektarbeit und Praktika will man ihn hier wieder fürs Lernen gewinnen. "Pünktlich sein funktioniert viel besser, wenn es konkret etwas zu tun gibt", sagt Friedrichsen.

Fast jeder vierte Schüler in Deutschland besucht eine Berufsschule. In der öffentlichen Wahrnehmung ist sie nicht viel mehr als ein Nebenschauplatz der Ausbildung. Dabei sind es oft gerade die beruflichen Schulen, welche die ganz großen Herausforderungen im Bildungssystem meistern. Während gesellschaftlich alles Richtung Akademisierung drängt, befähigen sie ihre Schüler zu einem selbstständigen Leben, kümmern sich um die Integration von geflüchteten Jugendlichen und machen Schulabbrecher fit, damit sie überhaupt ein Betrieb nimmt.

Nach aktuellen Zahlen der Bertelsmann Stiftung startet nur noch jeder zweite Berufsschüler im klassischen dualen System, das betriebliche Lehre und Schule verbindet. Gut 20 Prozent machen eine rein schulische Ausbildung etwa zum technischen, sozialpädagogischen oder pflegerischen Assistenten. Und 30 Prozent der Berufsschüler bleibt nur der sogenannte Übergangssektor.

Wenn Elias seine Chance ergreift, stehen ihm am BBZ alle Wege offen. Er kann einen Beruf erlernen, den Mittleren Bildungsabschluss machen und später ans berufliche Gymnasium wechseln. Fünf verschiedene Schularten drängen sich auf dem DIN-A4-großen Organigramm. Was auffällt: Es gibt viele Pfeile, die zwischen den einzelnen Bildungswegen hin und her zeigen. Und die Möglichkeit, das System von unten links ohne Schulabschluss zu betreten und oben rechts Richtung Universität zu verlassen. Das große Versprechen dahinter lautet Durchlässigkeit.

Der Direktor der Berufsschule hat kein Abitur

Ulrich Keller leitet das BBZ seit zehn Jahren, ohne je Abitur gemacht zu haben. Vom Lehrling im Bergbau hat er es über die berufliche Bildung bis zum Schuldirektor geschafft und ist dadurch selbst so etwas wie die personifizierte Durchlässigkeit. "Ich geh inzwischen zu Elternabenden in der vierten Klasse, nur um zu sagen: Bleiben Sie entspannt mit der Schulwahl. Richten Sie sich nach den derzeitigen Fähigkeiten Ihres Kindes. Im Alter von zehn Jahren wird es nicht festgelegt auf alle Ewigkeit." Er nimmt sich Zeit dafür, obwohl er als Chef eines Bildungsunternehmens mit 14 Abteilungsleitern und 235 Lehrkräften oft genug das Gefühl hat, in Verwaltungsarbeit unterzugehen. Es schmerzt ihn zu sehen, wie Kinder auf Teufel komm raus mitgeschleppt und über Misserfolge deprimiert werden. Viele bräuchten einfach nur Zeit und andere Zugänge als die rein kognitiven. Doch Möglichkeiten jenseits der allgemeinbildenden Schulen sind oft gar nicht bekannt.

Das BBZ im Zentrum von Mölln wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach erweitert. Aktuell wird ein 22 Millionen Euro teurer Werkstattbau fertiggestellt, auf den jetzt schon alle stolz sind. Dennoch haben selbst Anwohner, die regelmäßig nebenan bei Penny einkaufen, oft keine Vorstellung, was in dem Gebäudekomplex vor sich geht. Sie sehen nur die Zug- und Busladungen von Jugendlichen aus dem Umland, die da täglich rein- und rausströmen.