Denkverbote sollten verboten sein fortan. Ohne Vorbehalte, völlig frei, wollten Bischöfe und Laien künftig über die Konsequenzen reden aus dem Missbrauchsskandal, der 2018 wieder mal den Katholizismus in seinen Grundfesten erschütterte. Die Sexualmoral, der Zölibat, der ganze Komplex Klerikalismus sollten künftig ergebnisoffen auf den Konferenztisch kommen. So wollten die deutschen Bischöfe im März bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen maximale Reformbereitschaft demonstrieren.

Einstimmig einigten sie sich auf einen "verbindlichen synodalen Weg". "Wir haben verstanden", kommentierte Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, den Schritt bei der Abschlusspressekonferenz.

Wie dieser Synodale Weg ausgestaltet und verbindlich gemacht werden kann, dürfte aber zu dem Zeitpunkt nicht mal denen klar gewesen sein, die ihn als Reaktion auf den öffentlichen Druck ersannen. Nur so viel stand fest: Noch eine folgenlose Gut-dass-wir-darüber-geredet-haben-Veranstaltung konnte sich die DBK nicht leisten, nachdem der "Gesprächsprozess" versandet war, den Marx’ Vorgänger Zollitsch ausgerufen hatte als Reaktion auf die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg im Jahr 2010.

Nun jedoch, ein halbes Jahr nach dem letzten Treffen der Bischöfe in Lingen, droht den Synodalen Weg dasselbe Schicksal zu ereilen. Die Offenheit des Wegs wird dem Reformprozess womöglich zum Verhängnis. Gerade sie ermöglicht es all denen in der DBK, den Weg auszubremsen, abzuwürgen oder in eine andere Richtung umzulenken, die dem Reformeifer von Lingen insgeheim immer skeptisch gegenüberstanden. Seit März tobt hinter den Kulissen ein Streit der Lager. Auf der einen Seite Marx, die Seinen und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Auf der anderen ein kleiner Kreis zu allem entschlossener Konservativer um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer.

Sogar der Papst mischte sich im Juni per Brief an das "pilgernde Volk Gottes" ein. Das Marx-Lager fühlte sich durch das Schreiben des Pontifex an die deutschen Katholiken ermutigt und übersah in seinen Reaktionen, dass darin von Missbrauch und Strukturreformen wenig und von Neuevangelisierung und Glaubensermutigung viel die Rede war. Davon abgesehen enthielt der Brief eine Warnung: Entfernt euch nicht zu weit von der Weltkirche mit eurem Weg.

Auch dass der Brief die Liberalen kalt erwischte, während die Konservativen bereits früh von seiner Existenz gewusst gehabt haben sollen, hängte Marx nicht an die große Glocke. Sonst würde am Ende noch jemand denken, Woelki und Voderholzer hätten bessere Kontakte nach Rom als er. Marx sitzt schließlich im Kardinalsrat, dem vermeintlichen Schattenkabinett des Papstes.

Reinhard Kardinal Marx, DBK-Vorsitzender, will seine Kirche auf den Synodalen Weg schicken. © KNA GmbH

Eine Woche bevor auf der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda erneut über den Synodalen Weg beraten wird, hat sich der Vatikan nun wieder per Brief eingeschaltet in den deutschen Grabenkrieg. Anlass ist die Ausarbeitung der Satzung des Synodalen Wegs. Die Satzung legt fest, was der Weg ist, was er soll und wer am Ende entscheidet. Marc Ouellet, Präfekt der Bischofskongregation, erinnert Marx in dem Schreiben freundlich, aber bestimmt an die Mahnung des Papstes, sich bitte nur "im Einklang mit der Weltkirche" auf den Weg zu machen. Angefügt ist die Beurteilung einer frühen Fassung der Satzung durch den Päpstlichen Rat. Die Expertise hat es in sich: "Wie kann eine Teilkirche", heißt es darin, "verbindliche Beschlüsse fassen, wenn die behandelten Themen die Weltkirche betreffen?" Auch was die Beteiligung der Laien anbelangt, findet der Päpstliche Rat deutliche Worte: Die "Parität von Bischöfen und Laien kann kirchenrechtlich keinen Bestand haben". Kurz: Die vatikanischen Experten werfen dem obersten deutschen Katholiken vor, seine Kirche auf einen Irrweg zu schicken Richtung Partikularismus und Kirchenspaltung.