Noch immer ist er die wichtigste literarische Auszeichnung für deutschsprachige Romane eines Jahres, aber ob das in Zukunft auch so bleibt, kann man seit Dienstag mit guten Gründen bezweifeln. Auf die sechs Titel umfassende Shortlist des Deutschen Buchpreises, der mit 25.000 Euro Siegprämie dotiert ist und dem die Lesenation jeden Herbst entgegenfiebert, hat die Jury diesmal drei Debüts gehoben, weswegen man sich für einen Moment fassungslos die Augen reibt: Ist der Deutsche Buchpreis jetzt zum Förderpreis für den literarischen Nachwuchs mutiert? Oder haben wir Ignoranten nur nicht mitbekommen, wie schriftstellerische Junggenies reihenweise sprießen und gedeihen, umstandslos alles Hergebrachte deklassierend, sofort reif für die allerhöchsten Weihen? Freuen können sich jedenfalls die 29-jährige Raphaela Edelbauer (Das flüssige Land, Klett-Cotta), die 27-jährige Miku Sophie Kühmel (Kintsugi, S. Fischer) und der ebenso alte Tonio Schachinger (Nicht wie ihr, Kremayr & Scheriau). Paradoxerweise wirken dagegen Jackie Thomae (Brüder, Hanser Berlin) und Saša Stanišić (Herkunft, Luchterhand) wie eingespielte Routiniers; der 67-jährige Norbert Scheuer ist mit seinem Roman Winterbienen (C.H. Beck) automatisch der Nestor der Nominierten, zumal er bereits vor zehn Jahren schon einmal auf der Shortlist stand.

Nun sind Juryentscheidung und Jurykritik von jeher siamesische Zwillinge. Jeder, der schon einmal in solch einem Gremium saß, weiß um das Gezerre und Gehakel; in jeder Liste entdeckt man Kompromisse. Aber es bleibt völlig rätselhaft, weshalb von der Longlist in diesem Portfolio ausgerechnet zwei so glänzende, mitten in die Gegenwart zielende Romane wie Nora Bossongs Schutzzone oder Marlene Streeruwitz’ Flammenwand unverdient den Kürzeren zogen. So etwas bewirkt immer eine Entwertung des Preises, weil sich auch der Sieger dann nicht gegen die stärksten Bücher durchgesetzt hat. Wehmütig erinnert man sich an die Zeiten, als schon mal Tellkamp, Dath und Schulze gegeneinander antraten, oder Lewitscharoff, Klüssendorf, Ruge, oder Herrndorf, Setz, Krechel, oder Seiler, Hettche, Melle.

Jedenfalls passt diese Shortlist zur grassierenden Panik der Buchbranche, junge Leser zu verlieren (wobei dabei gerne unterschlagen wird, dass junge Autoren ja immer vor allem von älteren Lesern leben, die jüngeren bleiben noch auf Instagram hängen). Krampfhaft wird da vermeintliche Frische zum entscheidenden Imagefaktor gegen die absurde Furcht, verstaubt zu wirken. Damit ist man mittendrin in der Relevanzverlustspirale. Und wenn der Jurysprecher und Literaturkritiker Jörg Magenau tatsächlich meint, die nominierten Bücher zeigten, das "vor allem die Identität des Mannes problematisch geworden ist", kann man darin seit Werther oder Thomas Buddenbrook wahrlich nichts Neues entdecken – und dass die Debüts der Jüngeren "bei diesen Themen schärfer hinschauen": Will man das beispielsweise einer urfeministischen Autorin wie Marlene Streeruwitz ernstlich erklären? Am Abend des 14. Oktober wird jedenfalls im Frankfurter Römer der Preis verliehen – am gleichen Tag, wie der Booker Prize für die englischsprachige Literatur, der im Gegensatz dazu seine Relevanz mit seinen sechs starken Nominierten eindrucksvoll demonstriert.