Manchmal sind die politisch neuen Zeiten, die der Osten erlebt, an ganz kleinen Zeichen zu beobachten, an winzigen Gesten. Wie in jenen Momenten, in denen Michael Kretschmer, Sachsens CDU-Ministerpräsident, in Dresden vor Journalisten steht und immer wieder nach rechts schaut, mal dezent zu schäkern versucht, mal einen kleinen Scherz platziert, mal auch nur mit einem fast unmerklichen, ganz flüchtigen Blick sich zu vergewissern scheint: Die Frau, die da neben ihm steht auf der Pressekonferenz nach dem ersten Koalitionssondierungstag – sie ist doch mit allem ganz zufrieden, oder?

Die Frau heißt Katja Meier, und ohne sie kann Kretschmer kaum regieren. Vor ein paar Jahren war Meier nur Polit-Insidern ein Begriff, aber das ändert sich, seit sie Co-Spitzenkandidatin der sächsischen Grünen wurde und seit ihre Partei inzwischen sozusagen systemrelevant geworden ist: Ohne die Grünen lässt sich – in Sachsen wie Brandenburg – kein stabiles Kabinett mehr bauen. In beiden Ländern haben sie bei der Landtagswahl am 1. September ihr Ergebnis verbessert, wenngleich nicht so stark wie erhofft. Der Aufstieg der AfD hat auch auf der Gegenseite zu einer Neugewichtung geführt: Die Grünen, die stets um den Einzug in die Landtage bangen mussten, sind nun auch im Osten eine Partei, die Tempo und Struktur von Sondierungen vorgeben kann.

Und sie tun es. In Sachsen, wo eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD das einzig realistische Bündnis ist, haben sich die Sondierer bei ihrem ersten Treffen am Montag dieser Woche in einer solchen Freundlichkeit angenähert, dass einige, auch Mächtige, fanden: Das war beinahe zu nett. Man könnte es auch so beschreiben: CDU-Chef Kretschmer behandelt die Grünen wie das geerbte Porzellan beim Umzug. Mag sein, dass man das nicht ausnahmslos schön findet – aber man will es auch bloß nicht fallen lassen, bloß nicht aus den Augen verlieren! Man weiß halt um den Wert.

"Wir machen das auf Augenhöhe", sagt Kretschmer über die Verhandlungen. Und deutet die ja doch enormen Unterschiede zwischen Grünen und CDU positiv aus: Die Sondierungsparteien bildeten "ein beeindruckendes Spiegelbild", einen "Querschnitt dessen, was in Sachsen an Menschen, an Interessenlagen" vorhanden sei. Unterschiede als Bindemittel, das gehört wohl zu diesen neuen Zeiten.

Spätestens jetzt zeigt sich, dass es einen doppelten Kretschmer gibt: Der eine präsentiert sich eher außerhalb Sachsens. Zum Beispiel wenn er, wie in der vorigen Woche in der Talkshow von Maybrit Illner, über "Volkserziehung" in der Klimadebatte schimpft und die Grünen sich durchaus davon angerempelt fühlen.

Der andere Kretschmer sitzt dann in Dresden und moderiert Sondierungen, bei denen sich die Grünen – das jedenfalls waren die Eindrücke dieses Anfangs – prächtig umsorgt und umworben fühlten. So sehr, dass sie sich fast zur Wehr setzen mussten gegen zu viel Eintracht: "Wir sind drei unterschiedliche Parteien, und das wird sich auch nicht ändern", sagte am Montag Wolfram Günther, Katja Meiers Co-Spitzenkandidat, fast flehend. "Wir haben einen unterschiedlichen Blick auf die Dinge, aber wir müssen in der Lage sein, gemeinsame Ziele zu bestimmen." Es gibt zwar viele strittige Punkte zwischen den Parteien. Aber auch nur wenige Experten, die auf ein Scheitern der "Kenia"-Verhandlungen, also der Gespräche zwischen CDU, Grünen und SPD, wetten würden.

So gesehen sind die Sondierungsvoraussetzungen in Dresden und Potsdam diametral verschieden: Während Kenia in Sachsen im Grunde zum Erfolg verdammt ist, stehen in Brandenburg immerhin zwei Bündnisse zur Wahl – neben demjenigen aus SPD, CDU und Grünen auch noch ein rot-grün-rotes (SPD, Grüne und Linke). Beide Dreiergruppen trafen sich zuletzt abwechselnd zu Sondierungen. Schon jetzt ist dabei absehbar: Die Anbahnung wird in Brandenburg problematischer verlaufen als in Sachsen. Denn jede Auswahl schafft Konflikte.