Wer ahnt zuverlässiger, welche Brötchen in der kommenden Stunde gefragt sind – die menschlichen Mitarbeiter? Oder ein Computer? In der Bäckereikette Backwerk stehen seit vergangenem Jahr Monitore in der Küche, die den Mitarbeitern empfehlen, ob sie als Nächstes Bagel mit Avocado bestreichen oder Roggenbrote mit Schinken belegen sollen. Und tatsächlich kann der Rechner die Kunden besser einschätzen als der Mensch: Die Filialen müssen am Ende des Tages bis zu 20 Prozent weniger Ware wegwerfen.

Die Kette hat das Verfahren zur Datennutzung im vergangenen Jahr zunächst in vier Filialen erprobt, bevor sie den Einsatz auf alle 350 Läden ausgeweitet hat. Die Technik greift dafür vor allem auf Daten zu, die im Kassensystem ohnehin vorhanden waren. Das berichtet Michael Tribus, der als Berater bei Porsche Consulting daran beteiligt war, die Neuerung einzuführen: "Es ist ein Irrglaube, dass für so etwas besonders viele Daten nötig sind." Es komme stattdessen darauf an, die richtigen Daten geschickt zu nutzen, betont Tribus. Backwerk-Chef Karl Brauckmann, einst selbst Unternehmensberater, hat den Schritt seiner Firma ins Datenzeitalter persönlich vorangetrieben.

Die Programmierer beim IT-Dienstleister MHP aus Ludwigsburg – ebenfalls eine Porsche-Tochter – haben Algorithmen für den Brötchen-Kunden entwickelt, die aus den laufend anfallenden Daten eine möglichst sichere Prognose des Snack-Bedarfs ableiten. Die variieren von Ort zu Ort: In Filialen etwa, die in der Nähe einer Schule liegen, fordert der neue Produktionsmonitor die Mitarbeiter kurz vor Ende der letzten Stunde dazu auf, süßes Gebäck in den Ofen zu schieben.

Backwerk nutzt einen zuvor brachliegenden Datenschatz. Das Unternehmen spart Kosten und liefert den Kunden gleichzeitig genau das, was sie gerade haben wollen. Doch damit gehört es zu einer Minderheit. Nur rund acht Prozent der deutschen Firmen mittlerer Größe sind bereits tief in die Datennutzung eingestiegen. Und das, obwohl 81 Prozent der Mittelständler Big Data für "zentral wichtig" halten und zwei Drittel dadurch Umbrüche in ihrer Branche erwarten. Diese Zahlen gehen aus einer groß angelegten Commerzbank-Studie aus dem vergangenen Jahr hervor.

Es reicht nicht mehr, das beste Produkt zu haben, wenn der Wettbewerber seine Alternative mit den neuen Möglichkeiten der Informatik günstiger anbieten oder besser vermarkten kann. "Die Kundengruppen, die in die tiefe Datenanalyse einsteigen, verzeichnen eine überdurchschnittlich gute Geschäftsentwicklung", beobachtet Dominik Steinkühler, der bei der Commerzbank für die Digitalisierung im Firmenkundengeschäft verantwortlich ist. So ist laut Commerzbank-Studie der Anteil von Firmen mit besonders guter Geschäftslage in der Gruppe der intensiven Datennutzer mit 32 Prozent deutlich höher als im Mittelstand insgesamt mit 21 Prozent. Zwar kann auch Steinkühler nicht genau sagen, ob die gut laufenden Firmen nicht einfach mehr Ressourcen haben, um sich mit neuartigen IT-Projekten zu beschäftigen. Doch aus seiner Sicht spricht alles für die Interpretation: Wer auf Daten setzt, läuft der Konkurrenz davon. Wer sie ignoriert, fällt zurück.

Zum Beispiel lassen sich auch Kosten senken, wenn es darum geht, Maschinen zu warten. "Bei einigen unserer Kunden sind bereits komplette Produktionslinien vernetzt", sagt Elisabeth Friedrich, Expertin für Datenanalyse bei dem Dienstleister Anacision. Die Firma aus Karlsruhe arbeitet eng mit dem Maschinenbauer Emag zusammen und bietet so für die gemeinsamen Kunden sowohl die Maschinen als auch deren Vernetzung an.

Die Rechner leiten aus Sensordaten ab, wie lange die jeweiligen Einzelteile einer Maschine noch halten – und empfehlen deren Austausch möglichst genau zum richtigen Zeitpunkt. "Also nicht zu früh und nicht zu spät", sagt Friedrich. Die Unternehmen vermeiden Ausfälle durch kaputte Maschinen, aber verschenken nichts, indem sie möglicherweise noch voll funktionsfähige Einzelteile voreilig austauschen.