Man muss Präsidentschaftskandidaturen in den Vereinigten Staaten als eine politische Form von Product-Placement verstehen. Das Produkt ist der Kandidat, und Aussicht auf Erfolg hat er nur dann, wenn sein Werbeslogan zum Ohrwurm der Wähler wird.

Barack Obama hat sie seinerzeit mit dem Spruch "Yes we can" begeistert, und Donald Trumps Fans rufen auf dessen Veranstaltungen ohne Aufforderung "Make America great again". Beide Slogans sind von genialer Einfachheit und Eingängigkeit. Im jetzigen Wahlkampf um die Spitzenkandidatur der Demokraten geschieht jedoch etwas Merkwürdiges: Der sperrigste Spruch erweist sich als höchst erfolgreich: "big structural change" (großer Strukturwandel), die Werbeformel der linken Senatorin Elizabeth Warren.

Wer am Montagabend auf dem Washington Square in New York stand und Warren zuhörte, konnte die Wirkung erleben. Die Senatorin aus Massachusetts erklärte vor 20.000 Anhängern, wie sie als Präsidentin das politische und ökonomische System Amerikas verändern will, das in ihrer Darstellung die Reichen und Mächtigen auf empörende Weise bevorzugt. "Wir brauchen ...", setzte Warren vor dem hell angestrahlten Triumphbogen des Platzes an – und aus dem Publikum schallte es ihr begeistert entgegen: "Big structural change!"

Ist es denkbar, dass die Amerikaner nach vier Jahren Donald Trump eine linke ehemalige Harvard-Professorin als Präsidentin wollen? Nun muss man einräumen, dass viele der Fans, die sich am Montag in New York versammelt haben, Studenten der nahen Universität waren. Darunter stehen viele der linken Fraktion der Demokratischen Partei nahe.

Aber Warren ist durchaus nicht nur in solcher Umgebung erfolgreich. Langsam, aber stetig steigt die Zustimmung zu ihr in der gesamten Anhängerschaft der Partei. Warren liegt in jüngsten Umfragen gleichauf mit dem anderen Linken, dem Senator Bernie Sanders, gleich hinter dem Ex-Vizepräsidenten Joe Biden.

Um zu verstehen, warum ein Schlachtruf wie "big structural change" einen Nerv der Bevölkerung treffen konnte, genügt ein Blick in die Zeitung. Am Montag beherrscht der Streik von 50.000 General-Motors-Arbeitern in ganz Amerika die Debatte. Einen dermaßen großen Streik hat es in den USA schon lange nicht mehr gegeben. Warren bekundet ihre Solidarität mit den Arbeitern. Aber da ist mehr: Die Erfahrungen der Arbeiterschaft seit der Finanzkrise lassen einen Strukturwandel, wie Warren ihn fordert, plausibel erscheinen.

Die Arbeiter von General Motors (GM) empfinden es als unfair, dass sie nach der Finanzkrise 2008 geringere Löhne und eine Beschneidung der Pensionszahlungen akzeptieren mussten, um dem Unternehmen wieder auf die Beine zu helfen. Doch nun, da GM wieder sehr gute Gewinne abwirft, bedankt sich das Unternehmen bei den Belegschaften, indem es Fabriken in den USA schließt und in Mexiko neue aufmacht. Das System übervorteilt seine Basis.

Daran hat auch Donald Trump nichts geändert, obwohl er sich stets als Verteidiger der kleinen Leute gibt. Hier kommt Elizabeth Warrens Wahlspruch zur Geltung: Kurzfristig mag ein Streik zwar helfen, langfristig aber hilft gegen diese Verhältnisse nur eine große strukturelle Veränderung.