Die Schweiz gilt als eine der besten Demokratien der Welt. Das ist keine selbstgefällige Behauptung, sondern wird durch zahlreiche Studien belegt. Aber besser geht immer. Das gilt auch für eine Demokratie. Deshalb präsentieren wir bis zu den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 10 Ideen für ein Demokratie-Update. Idee Nr. 1: Familie

An einem frühen Morgen im Herbst 2008 wurde unsere Familie demokratisiert. Ich war mit einem frisch geborenen Kind allein zu Hause und stellte fest: Wir haben keinen Kaffee mehr. Das Kind aber schlummerte friedlich. Also neigte ich mich über das Baby und erklärte ihm, dass ich ohne Kaffee nicht sein könne und darum kurz wegmüsse, in die Migros bei uns um die Ecke, und dass ich es so lange allein lassen würde. "Gib mir bitte ein Zeichen, wenn das nicht in Ordnung ist!"

Doch das Kind schlummerte seelenruhig weiter. Ich verstand das als stummes Okay für meinen Plan – und ließ den Buben allein. Ich verließ das Haus, schloss aber, für den Fall, dass ich unters Tram komme würde, die Tür nicht ab. Eilte die Straße hinauf, hinein in die Migros-Filiale, und kaufte eine Packung Espresso Classico.

Als ich zehn Minuten später, es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, unsere Wohnung wieder betrat, schlief mein Sohn noch immer friedlich. Und ich wusste: Diesem Kind kann man vertrauen.

Am Anfang jeder Demokratie steht das gegenseitige Vertrauen: Der Staat schenkt es seinen Bürgern. Die Bürger schenken es dem Staat. Die Eltern ihren Kindern. Die Kinder ihren Eltern. Und dann wird geübt, geübt, geübt. Für uns als Familie heißt das: Wir entscheiden heute (fast) alles gemeinsam an unserem Küchen-Counter. Mein Mann, ich und unsere beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt.

Auf der Traktandenliste stehen dabei längst nicht mehr nur Familieninterna. Seit die Kleinstadt, in die wir vor einigen Jahren gezogen sind, unter Geldnot leidet, beschäftigt uns die Lokalpolitik. Wir diskutieren aber ebenso über Donald Trump und die Bundesrätin Karin Keller-Sutter, über freisinnige Klimakapriolen und die Frage, ob der eigene Großvater traurig wird, wenn man seine Partei, die CVP, allzu heftig kritisiert.

Und wenn sich in der Schweiz wieder mal ein Abstimmungssonntag dem Ende zuneigt, fragt unsere Tochter, bevor sie ins Bett geht: "Und, haben wir gewonnen?"

Damit keine Missverständnisse entstehen: Unser demokratisches Zusammenleben ist fürchterlich anstrengend. Die Entscheidungsprozesse sind langwierig, die Debatten ausufernd – und manchmal gibt es Tränen.

Aber weil uns Erwachsenen strenge Hierarchien suspekt und der elterliche Befehlston ein Gräuel sind, ist die Aushandlungsdemokratie für uns die einzig mögliche unter allen unmöglichen Arten, als Familie zu leben.

Auf die Idee, unser Miteinander so zu gestalten, kamen wir durch Zufall. Einen Plan hatten wir nicht. Ebenso wenig gehören wir zur Elterngattung der Erziehungsratgeberverschlinger. Lieber lassen wir uns von Menschen in unserem Umfeld inspirieren.

Von Frau Petrovic zum Beispiel, einer Krippenfrau. Von ihr lernten wir, dass auch Windelträger über vieles selbst befinden können: zum Beispiel, wann sie trinken wollen. Im Spielzimmer der Krippe, in der sie arbeitete, standen überall bunte Trinkflaschen, für jedes Kind eine. Sodass jeder Knirps dann trinken konnte, wenn er durstig war – und nicht, wenn eine Betreuerin fand, es sei Zeit für einen Schluck Wasser. Und auf den Wickeltisch führte eine kleine Treppe. Die Kinder konnten sich selbst zum Windelwechseln hinlegen. Die Idee dahinter war, dem Kind in seiner Abhängigkeit eine maximale Unabhängigkeit zu ermöglichen.

Von Herrn Neeracher, meinem ehemaligen Biologielehrer, übernahmen wir die Einsicht, dass irrt, wer meint, Kinder seien Erwachsenen an Intelligenz unterlegen. Bloß weil sie klein und herzig und sprachlich ungelenk sind. Also versuchten wir, ihre großen Fragen und Ideen nicht zu belächeln, sondern ernst zu nehmen.