Die Oper "Parsifal" von Richard Wagner stilisiert den Helden mit dem Kelch zum Retter einer gefallenen Welt, so wie dieses Opernplakat aus dem Jahr 1900. © CCI/​INTERFOTO

Frage: Herr Egeler, Sie haben ein Buch über eine seltsame Reliquie geschrieben. Was ist der Gral?

Matthias Egeler: Das kommt darauf an, wen Sie fragen. Im Zentrum des Gralsmythos steht in gewissem Sinne nicht der Gral, sondern die Frage nach dem Gral.

Frage: Wer hat diese Frage denn zum ersten Mal gestellt?

Egeler: Der altfranzösische Dichter Chrétien de Troyes. Er war berühmt, angesehen und auf dem Höhepunkt seines Schaffens, als er den Perceval schrieb. Dieser Ritterroman ist eine König-Artus-Geschichte. Dort kommt der Gral zum ersten Mal vor. Der Roman war sein letztes Werk, und leider ist es nicht abgeschlossen, weil Chrétien vorher gestorben ist.

Frage: Worum geht es in dem Roman?

Egeler: Der Held Perceval ist auf der Suche nach dem Gral. Er gelangt in die Gralsburg, der Gral wird an ihm vorbeigetragen, aber er verhält sich falsch: Er fragt den Gralskönig nicht nach dem Gral. So wird er aus der Gralsburg wieder hinausgeworfen und erfährt nichts über den Gral. Leider bricht der Roman ab, bevor der Held den Gral erneut findet und die Frage geklärt werden kann, was der Gral eigentlich ist. 800 Jahre Rezeptionsgeschichte haben aus dem Gral dann alles Mögliche gemacht, je nachdem, welcher Autor den Text von Chrétien weitergedacht oder zu Ende geschrieben hat.

Frage: Woher kommt denn das Wort Gral?

Egeler: Aus dem Altfranzösischen. Dort bezeichnete es eine Art Servierplatte. So dürfte auch Chrétien de Troyes seinen Gral verstanden haben, als Servierplatte.

Frage: Die meisten dürften den Gral als Kelch des letzten Abendmahls Jesu kennen ...

Egeler: Diese Idee wird von einem weiteren französischen Dichter eingeführt, von Robert de Boron, der zu Chrétiens Roman eine Vorgeschichte schrieb. Er beschreibt den Gral als den Kelch des letzten Abendmahls. Seither ist diese Deutung präsent, ist aber nicht die einzige.

Frage: Im Mittelalter ist der Gral mit den Rittern der Tafelrunde und König Artus verbunden. Welche Rolle spielt er in der Artuswelt?

Egeler: Die frühe Geschichte des Grals ist untrennbar mit König Artus verwoben. Alle frühen Gralstexte sind Artus-Texte. Einzelne Ritter ziehen vom Hof in Camelot los und suchen den Gral, der als wundertätiger Gegenstand bekannt ist. Der erste Gralsheld ist Parzival, später ist es der Ritter Galahad. Der Gral ist Ausgangspunkt für Abenteuer, eine Motivation, den Hof zu verlassen und loszusuchen.

Frage: Welchen Effekt hat die Gralssuche auf die Ritter?

Egeler: Das kann sehr unterschiedlich und ambivalent sein. In einer Fassung der Gralsgeschichte etwa wollen die Ritter alle unbedingt diesen exotischen Gral finden, aber König Artus ist dagegen. Er sagt: Wer bleibt dann noch hier am Hof und schützt die Menschen? In manchen Texten zerstört die Gralssuche die Tafelrunde, und die Artuswelt endet.

Frage: Sie sagten, der Dichter Robert de Boron habe den Gral als Kelch des letzten Abendmahls eingeführt. Wie macht er das?

Egeler: Er erzählt die Geschichte so, dass Josef von Arimathäa, der auch in der Bibel vorkommt, das Blut Christi bei der Kreuzigung in einem Kelch aufgefangen habe, eben in dem Kelch, den Jesus beim heiligen Abendmahl benutzt haben soll. Über Josef und seine Gefolgsleute kam der Gral dann von Palästina nach Großbritannien. In der Ortschaft Glastonbury in Südengland hat man sich diese Vorstellung ganz besonders zu eigen gemacht, weshalb der Gral auch heute dort noch verehrt und gesucht wird.

Frage: Gibt es neben der Literatur irgendwelche historischen Quellen für diesen Kelch?

Egeler: Nein, keine. Auch die Kirche hat ihn nie als Reliquie anerkannt oder suchen lassen.

Frage: Das ist aber seltsam. Sonst stürzte sich die Kirche doch auf jeden Nagel und jeden vermeintlichen Blutstropfen. Die Artusromane waren sehr populär – und die Kirche ignoriert sie und den Gral einfach?

Egeler: Das Verhältnis von Kirche und Rittertum war immer spannungsgeladen. Ritterturniere zum Beispiel hat die Kirche gehasst. Wer dabei starb, bekam kein christliches Begräbnis. Da der Gral in den Artusromanen auftauchte, war er für die Kirche genauso problematisch wie die Romane selber.

Frage: Was hatte die Kirche gegen Rittergeschichten?

Das Verhältnis von Kirche und Rittertum war immer spannungsgeladen.

Egeler: Die Weltbilder stimmten nicht überein. Zwar waren die Geschichten über Artusritter im hohen Mittelalter jedermanns Lieblingsgeschichten, aber worum geht es in diesen Geschichten? Um Abenteuer, um Gewalt. Um Liebe, Liebesdienst und Sex, aber nicht um eheliche Liebe.

Frage: Das ist für die Kirche natürlich Gift ...

Egeler: Die berühmteste Affäre der Artuswelt ist die zwischen Lancelot und Guinevere, die ja eigentlich mit Artus verheiratet war. Das ist einfach Ehebruch. Die Lebensführung der Artusritter war nicht so christlich. Aus kirchlicher Perspektive war das unschön.